Kliniken stellen sich auf mehr demente Patienten ein

Fingerfood und Farben

+
Für Demenzkranke ist ein Krankenhausaufenthalt oft sehr belastend. Mit veränderten Abläufen und speziell geschulten Mitarbeitern stellen sich Kliniken verstärkt auf diese Patienten ein.

Offenbach/Hanau - Das Klinikum Hanau reagiert auf die steigende Zahl demenzkranker Patienten. Seit Dezember gibt es dort elf interne Demenzbeauftrage. Auch das Offenbacher Sana Klinikum schult regelmäßig seine Mitarbeiter. Von Lena Marie Jörger

Manche schreien, andere schlagen um sich, wieder andere sind völlig in sich gekehrt. Demenzpatienten brauchen besondere Aufmerksamkeit, gerade während eines Aufenthalts im Krankenhaus. Dort bleibt in den meisten Fällen allerdings nur wenig Zeit, diese speziellen Bedürfnisse zu befriedigen. Anders im Klinikum Hanau. Dort gibt es seit Dezember elf interne Demenzbeauftrage, in diesem Jahr sollen weitere Mitarbeiter ausgebildet werden. Sie sind nicht nur Ansprechpartner für Angehörige, sondern haben auch die Aufgabe, demente Patienten zu erkennen. Denn meist werden sie wegen anderer Erkrankungen oder Verletzungen eingeliefert. Die Diagnose Demenz wird häufig erst im Krankenhaus, manchmal sogar überhaupt nicht gestellt.

Etwa 20 bis 30 Demenzkranke behandelt das Hanauer Klinikum pro Tag, sagt Diplom-Pflegewirt Stephan Wolff, zuständig für die Pflegeentwicklung. Um demente Patienten optimal versorgen zu können, musste die Qualifikation der Mitarbeiter neu strukturiert und ausgerichtet werden. Auch im Sana Klinikum Offenbach hat man die Zeichen der Zeit erkannt. „Wir sind seit Jahren bemüht, die pflegerischen Mitarbeiter auf diese Menschen besser vorzubereiten und bieten daher regelmäßig Schulungen an“, sagt Pflegedirektorin Sabine Braun. „Des Weiteren stellen wir neben den qualifizierten Krankenpflegekräften zunehmend Altenpflegekräfte für die internistischen wie auch chirurgischen Stationen ein. Diese Mitarbeiter haben in ihrer Ausbildung einen Schwerpunkt im Bereich Demenzerkrankung und sind unsere Ansprechpartner auf Station.“

Räumlich auf Bedürfnisse der Patienten eingestellt

Um dementen Patienten den Klinikaufenthalt angenehmer zu gestalten, mussten in Hanau auch Abläufe verändert werden, so Wolff. So sollen Demenzkranke künftig, sofern das medizinisch vertretbar ist, nur dann untersucht werden, wenn sie am fittesten sind: vormittags zwischen neun und elf und nachmittags zwischen 14 und 16 Uhr. Auch die morgendliche Körperpflege - ein Punkt, an dem es häufig zu Konflikten kommt, weil Demenzpatienten morgens noch schläfrig sind - wird individuell und unabhängig vom Standardtagesablauf angeboten.

Das Sana Klinikum hat sich auch räumlich auf die Bedürfnisse dementer Patienten eingestellt. „Die Pflegestützpunkte und Leitstellen sind farblich sehr unterschiedlich gestaltet. Sie bieten als auffällige Punkte damit zentrale Orientierungshilfe in allen Bereichen des Klinikums“, sagt Braun. Im Klinikum Hanau gibt es zudem ein spezielles Ernährungskonzept für Demenzkranke. Mit zunehmendem Krankheitsverlauf verändert sich nicht nur die Geschmackswahrnehmung der Betroffenen. Sie verlieren außerdem das Gefühl für Sättigung, erkennen Speisen und Getränke nicht mehr und vergessen, wie sie Messer und Gabel halten müssen. Ulrich Kahlert, Leiter der Ernährungs- und Diätberatung am Klinikum, erklärt: „Menschen mit Demenz sind häufig von Dehydration und Mangelernährung bedroht.“

Angehörige spielen wichtige Rolle

Kahlert und sein Team haben daher ein besonderes Versorgungskonzept entwickelt: Essbiografien und Trinkprotokolle sollen Vorlieben und Abneigungen der Patienten dokumentieren und so helfen, einer Mangelernährung vorzubeugen. Das Schlüsselwort lautet „Fingerfood“: Speisen für Demenzpatienten werden in kleinere Portionen unterteilt, die mit einem Handgriff aufgenommen werden können. Zudem sind sie stärker gewürzt und haben einen höheren Nährwert, da bei Erkrankten, die besonders aktiv sind, der Energiebedarf steigt.

Neben dem Klinikpersonal spielen auch Angehörige eine wichtige Rolle. Sie können als eine Art Dolmetscher fungieren, da sie die Eigenheiten des Patienten meist sehr gut kennen. Im Sana Klinikum gelten für Angehörige offene Besuchszeiten von acht bis 20 Uhr, im Klinikum Hanau dürfen Familienmitglieder in ausgewählten Fällen sogar über Nacht bleiben. „Die Unterstützung durch die Angehörigen ist besonders erwünscht, da es bei den meist kurzen Krankenhausaufenthalten für die pflegerischen Mitarbeiter schwierig ist, eine persönliche Vertrauensbeziehung aufzubauen“, erklärt Braun. Angehörige sollten das Krankenhauspersonal deshalb so detailliert wie möglich über Gewohnheiten und Vorlieben des Patienten aufklären. Darauf weist die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hin.

Alzheimer - die Krankheit des Vergessens

Alzheimer - die Krankheit des Vergessens  

Im Sana Klinikum geschieht das in den Erstgesprächen. „Dort werden gezielt Informationen zu Betreuung, Gewohnheiten und Ernährung erfragt“, sagt Braun. Auch der Sozialdienst ist eingebunden: „Betroffene und Angehörige erhalten in persönlichen Gesprächen eine umfassende Beratung samt Informationen über Selbsthilfegruppen und Ansprechpartner in ihrer Nähe.“

Mehr zum Thema

Kommentare