Klinik-Neubau

Patientin im Flurbett: „Wie der letzte Dreck gefühlt“

+
Ein Blick zurück: Flurbetten im Klinik-Altbau.

Offenbach - Ärzte, die zu Notfällen eilen. Krankenschwestern, die Betten schieben. Besucher, die auf dem Weg zu ihren Liebsten sind: Ein Krankenhausflur ist meist ein turbulenter Ort. Nicht gerade geeignet, um stationären Patienten einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. Von Veronika Szeherova

Im Altbau des Offenbacher Klinikums waren Flurbetten dennoch ein gewohnter Anblick. Zu wenig Kapazität in den Zimmern, zu viele Patienten, die untergebracht werden mussten.

Im Neubau sollte alles besser werden. Das moderne Gebäude wurde als Vorzeige-Krankenhaus gepriesen. Flurbetten passten nicht in dieses Bild – und waren von den Planern nicht vorgesehen. Doch es gibt sie weiterhin, wie eine Patientin vergangene Woche am eigenen Leib erfuhr. Eine leidvolle Erfahrung, die sie veranlasst hat, sich an unsere Zeitung zu wenden.

„Menschenunwürdige Zustände“

Von „menschenunwürdigen Zuständen“ spricht Karla Brechler. Die 78-Jährige hat einen Herzklappenfehler. Als sie wegen eines Kollapses mit dem Notarztwagen eingeliefert wurde, war in der kardiologischen Abteilung kein Zimmer frei. Sie musste drei Tage und zwei Nachte im Flur verbringen. „Dort war eine permanente Geräuschkulisse, ich lag nur zwei Meter vom Eingang entfernt“, klagt die Obertshausenerin.

Als einzige Waschmöglichkeit diente die Besuchertoilette: „Duschen konnte ich nicht, sondern mich nur am Waschbecken frisch machen. In der Toilette konnte ich nicht abschließen, musste hoffen, dass niemand kommt.“ Da im Flur auch nachts das Licht anbleibt, habe man sie zum Schlafen in einen Untersuchungsraum gebracht. Doch auch dort fand sie keine Ruhe. „Die Computer waren eingeschaltet, haben gerauscht und geflimmert.“ Außerdem habe sie weder dort noch im Korridor einen Rufknopf gehabt, um sich im Notfall bemerkbar zu machen. „Das geht nicht, herzkrank im Krankenhaus und keine Klingel“, empört sich Brechler. Ihr Nachttisch stand im Weg und wurde „ständig hin und hergeschoben“, einen Schrank habe sie gar nicht bekommen. „Meine Handtasche hatte ich 24 Stunden bei mir.“

Mit der ärztlichen Behandlung ist sie zufrieden

Die Patientin hatte eine Herzkatheteruntersuchung, nach der sie sechs Stunden mit einer Bandage ruhig im Bett liegen musste. Dabei habe sie furchtbar geschwitzt. Da sie keine Möglichkeit zum Waschen hatte, habe sie die Schwestern um einen Sichtschutz gebeten. „Sie brachten mir einen Paravent, ich habe mich mit dem Nachthemd abgetupft.“ Vorgekommen sei sie sich „wie der letzte Dreck“. Allein war sie nicht mit diesen Gefühlen: Eine 82-Jährige habe ein Flurbett mitten im Durchgang gehabt. „Sie hat die ganze Zeit geweint.“

Das Erste, was sie zuhause gemacht habe, war zu duschen. Sie denke noch ständig an die schlimmen Erfahrungen, schlafe schlecht. Karla Brechler verurteilt das Klinikum aber nicht grundsätzlich: „Ich war vorher schon drei Tage dort, da hatte ich ein Zimmer, alles war super.“ Mit der ärztlichen Behandlung ist sie zufrieden.

Die bestmöglichen medizinischen Leistungen stets zu gewährleisten, das ist laut dem Ärztlichen Direktor Professor Norbert Rilinger die Aufgabe des Hauses der Maximalversorgung: „Gerade die Kardiologie ist ein Bereich, wo wir hauptsächlich akute Patienten aufnehmen. Die Belegung ist deshalb schwer zu planen, so dass es mitunter in Spitzenzeiten zu Engpässen kommen kann.“ Das sei vergangene Woche der Fall gewesen: „Wir hatten viele Akutfälle sowie Patienten, die wegen Infektionsgefahr allein ein Zimmer belegten.“ Da die Bettenkapazität in der Kardiologie „offensichtlich nicht ausreicht“, werde man „die Bettenpläne neu überarbeiten, um dem Ansturm gerecht zu werden“.

Mehr zum Thema Klinik-Neubau lesen Sie in unserem Stadtgespräch

Rilinger spricht von einem Spagat, den das Klinikum vollbringen müsse, um für Notfallsituationen gewappnet zu sein und keinen Patienten abzulehnen. „Mit unserem Versorgungsauftrag berühren wir Grenzgebiete, das geschieht leider manchmal zu Lasten des Komforts einzelner Patienten.“ Jeder habe seinen Blickwinkel – daher sei eine Güterabwägung notwendig: „Was ist höherwertig, die kompetente medizinische Versorgung oder persönlicher Komfort?“ Ein „gangbarer Mittelweg“ müsse gefunden werden. Er bedauere in diesem „Einzelfall“, wie es für die Patientin gelaufen sei. Karla Brechler hat in drei Wochen einen Operationstermin. Dann bekommt sie eine neue Herzklappe. In der Uniklinik Frankfurt...

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare