Im Klinikum grassiert das Umzugsfieber

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Ein bisschen wie der Rüssel zum Flugzeug, aber zum Glück etwas größer: Eigens für den Klinik-umzug hat eine Containerfirma diese Spezialanfertigung konstruiert.

Offenbach ‐ Der Tag, an dem für Offenbachs Klinikum die Zukunft beginnen soll, wird der Tag sein, an dem einem Beruf aus der Vergangenheit ein zweites Leben geschenkt wird. Von Marcus Reinsch

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Der Aufzugführer, sonst bestenfalls noch nostalgisches Element in den holzvertäfelten Edelherbergen dieser Welt, kommt vorübergehend zu neuen Ehren. Und das ausgerechnet in einem Gemäuer, das für seine widerspenstige Technik berüchtigt ist - Haus Z, das marode Zentralhochhaus des Klinikums. Gruselgeschichten über das Steckenbleiben und, fast noch schlimmer, das Treppenlaufen helfen aber nicht; das Material muss durchhalten, wenn der Umzug des Klinikums vom Alt- in den Neubau morgen und am Sonntag gut über die Bühne geht. Und der Mensch natürlich auch.

Aufzugfahren, das könnten die medizinischen Teams, die mehr als 600 Patienten von den Stationen transportieren sollen, natürlich selbst. Doch den Aufzugführern fällt eine viel wichtigere logistische Schlüsselposition als das bloße Knöpfchendrücken zu. Sie werden Stauvermeider sein, Hüter der Transportkapazitäten. Verstopfte Kabinen oder ein technischer Totalausfall würden den ambitionierten Umzugs-Zeitplan ins Wanken oder gleich zum Kippen bringen. Also lieber nichts riskieren.

Tunnel aus Containerelementen

Das Umzugsfieber grassiert in den verwinkelten Gängen und Katakomben des gigantischen Gesundheitsbetriebs bekanntlich schon lange. Und jetzt, da es tatsächlich ernst wird, steigt die Temperatur nochmals merklich. Gestern beispielsweise - der nach Verzögerungen mehrfach neu gestartete Umzugscountdown steht auf 2 - herrscht in den Lifts noch eigenverantwortliches Knöpfchendrücken. Alles, was im Altbau nicht mehr unbedingt gebraucht wird, wird in den Neubau gerollt, geschleppt, gehievt. Ein Ameisenhaufen könnte nicht verwirrender sein.

Und vermutlich nicht besser organisiert. Zentrales Element, sozusagen die Herzschlagader des Umzugs, ist ein aus Containerelementen zusammengesetzter Tunnel zwischen den Rückseiten von Alt- und Neubau. Er erinnert an den Rüssel, durch den Flugzeugpassagiere in ihren Jet geschleust werden. Wo Riffelbleche Unebenheiten zwischen zwei Segmenten ausgleichen sollen, rumpeln die Transportwagen. Männer der Umzugsfirma haben eine Kette gebildet, einer schiebt eine Karre bis zum Tunnel, ein anderer übernimmt bis zur nächsten Ecke, ein dritter rollt die Fracht in den Neubau. So geht es vorwärts, und der Begegnungsverkehr hält sich in Grenzen.

Der Tunnel ist morgen und übermorgen der Weg für die meisten Kranken. Nur die besonders sensiblen Intensivpatienten und die Frühchen werden mit Rettungswagen ins neue Domizil gebracht. Wer und was wann wo entlang muss, haben die Umzugslogistiker bis ins letzte Detail bestimmt. Der Gütertransport beispielsweise ist ab sofort auf die Umwege über die seitlichen Straßen verbannt, damit es auf dem Gelände selbst keine Reibungsverluste gibt.

„Deutschland gegen Australien soll keiner verpassen.“

Es bleibt bei allem Willen zur Perfektion eine heikle Mission. Doch Nervosität soll sich keinesfalls auf die Patienten übertragen. Ihnen hat die Klinik die Vorteile des Umzugs schon nach allen Regeln der Kunst schmackhaft gemacht. Vom „Frühstück im abgewetzten Altbau und Mittagessen im wunderschönen Neubau“ ist die Rede und davon, dass am Sonntag „voraussichtlich gegen 14 Uhr alle Patienten ruhig und zufrieden in ihren Betten liegen und sich an ihrem schönen neuen Krankenhaus erfreuen.

Und wenn‘s ein bisschen später wird, wird das auch in Ordnung sein. Erfolg oder Misserfolg des Großprojekts Klinikumzug werden viele kranke Kunden vermutlich sowieso vor allem daran messen, ob aus dem von Pflegedirektorin Sabine Braun in Aussicht gestellten Sonntagabendvergnügen was wird: „Dann ist König Fußball dran. Das Spiel Deutschland gegen Australien soll keiner verpassen.“ Anpfiff ist um 20.30 Uhr. Und das müsste zu schaffen ein.

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