Experte analysiert Pleite

Klinikum-Verkauf: „Kapitalvernichtung betrieben“

Offenbach - Ein Akteneinsichts- ist kein Untersuchungsausschuss, war bei der Aufarbeitung des Klinik-Desasters zu lernen. Die Erkenntnisse des Gremiums kommen also nur gefiltert oder parteipolitisch gefärbt an die Öffentlichkeit. Von Thomas Kirstein 

Gegenüber unserer Zeitung bewertet ein ehemaliger Insider der Klinik-Szene Vorgänge um Offenbachs Stadtkrankenhaus. Der Offenbacher Dr. Joachim Berger ist Ruheständler, seiner früheren Arbeitswelt aber immer noch verbunden. 30 Jahre lang war der heute 75-Jährige bis zu seinem Ruhestand Geschäftsführer der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Frankfurt und 15 Jahre Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Unfallkliniken. Mit Offenbachs Klinikum verbanden ihn Jahre der engen Zusammenarbeit.

Sein Fazit nach der jüngsten Entwicklung: Die Sana AG hat von der Stadt einen schuldenfreien Klinikneubau im Wert von 200 Millionen erhalten, dazu Anlagevermögen von 248 Millionen (Inventar, Medizingeräte, Technik) sowie Grundbesitz (Klinikgelände, Bauten, Rebentischzentrum, Parkhaus) im Wert von selbst geschätzten 200 Millionen. Überdies übernahm die Stadt die Altschulden des Klinikums von 300 Millionen und muss jährlich über den städtischen Haushalt 16 Millionen Zins- und Tilgung ohne entsprechende Gegeneinnahmen aufbringen

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Für den Kenner steht fest, dass die völlig unzureichende, auf dem Prinzip Hoffnung beruhende Finanzierung des ohne Frage notwendigen Klinikneubaus eine der Hauptursachen der wirtschaftlichen Schieflage in den folgenden Jahren war. Dazu kamen für ihn Fehler eher der Politik als des viel gescholtenen Managements sowie eine in seinen Augen unrühmliche Rolle des Landes Hessen. 140 Millionen sollte das Projekt beim Beschluss von 2004 kosten. Die Kosten stiegen auf mindestens 200 Millionen. (Die Frage, wer die Mehrkosten zu verantworten habe, sei nach dem Verkauf von der Tagesordnung verschwunden, bedauert Berger.) Einsparungen und erhöhte Einnahmen wurden nicht realisiert.

Statt acht Millionen Zins und Tilgung im Jahr war nach Bergers Schätzung das Doppelte zu erbringen. Bei dieser Belastung habe Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt vor der „objektiv unmöglichen Aufgabe“ gestanden, ein ausgeglichenes Wirtschaftsergebnis zu erzielen, meint Berger: „Sein großer Fehler war, die Hoffnung zu verbreiten, dass es dennoch im Lauf der Jahre möglich sein werde.“ Schmidt sei am Ende das Bauernopfer der an sich Verantwortlichen aus der Politik geworden. Dabei sei von Anfang an offenkundig gewesen, dass die Klinik keine Überlebenschance habe, wenn sie nicht vom Schuldenberg entlastet werde.

So sieht‘s im neuen Krankenhaus aus

Eine große Mitverantwortung an der Misere trägt für Joachim Berger Hessens Sozialministerium: 50 Millionen in zehn Jahresraten seien nicht angemessen; andere Kliniken in Hessen erhielten deutlich höhere Zuschüsse. Beim Zwangsverkauf für einen symbolischen Euro sei das Ressort von Stefan Grüttner aber um so eifriger gewesen. „Was hat die Politiker bewogen, die Klinik zu diesen schlechten Bedingungen zu verkaufen und damit eine Kapitalvernichtung zu betreiben, nachdem die Schuldenübernahme von 300 Millionen ohnehin erfolgen musste?“, fragt Berger.

Rubriklistenbild: © dpa

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