Kurzlieger-Station im Klinikum: Gegen die Erstarrung

+
Alles neu: Dr. Daniel Kiefl (rechts), Stationsärztin Monika Ullrich und Pflegedienstmanager Peter Bonifer demonstrieren in der neuen Kurzlieger-Station den elektronischen Belegungsplan. Er zeigt auch den Patienten und Angehörigen – selbstverständlich anonymisiert –, wie viele Kranke gerade behandelt werden.

Offenbach - Es schwingt etwas Stolz mit. Zu Recht. Das Offenbacher Klinikum hat’s zwar nicht erfunden, dürfte aber eins der ganz wenigen Krankenhäuser in Hessen mit einer Kurzlieger-Station sein. Die ist fertig und nimmt ab heute Notfallpatienten für bis zu zwei Tage auf. Von Martin Kuhn

Sukzessive soll die Kapazität von neun auf 21 Betten in elf Zimmern gesteigert werden – neue Mitarbeiter werden bereits geschult. Es ist nicht die einzige Neuerung in der Notaufnahme. Bis Ende des Jahres soll die Kinder-Notaufnahme ins reguläre Aufnahme- und Notfallzentrum integriert sein.

Neue Station, neues Personal, neue Strukturen. Schön und gut. Aber unmittelbar vor Übernahme des kommunalen Hauses der Maximalversorgung an einen privaten Konzern? Zumindest der Zeitpunkt verwundert einige Offenbacher. Klinik-Geschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz, die mehr als turbulente Monate hinter sich hat, holt hörbar Luft. „Wir können uns nicht paralysieren lassen“, sagt sie mit Blick auf das (kommunal-)politische Hin und Her. „Ein Krankenhaus muss sich entwickeln.“ Die Entscheidung für die neue Kurzlieger-Station sei vor gut acht Monaten gefallen angesichts ständig wachsender Patienten-Zahlen in der Offenbacher Notaufnahme (2004: 33 000; 2012: 46 000).

„Touch-Quality statt High-Tech-Quality“

Dr. Daniel Kiefl, Ärztlicher Leiter des Aufnahme- und Notfallzentrums, hat mit seinem Team stets das Wohl der Patienten im Auge, weiß aber ebenso wie die Geschäftsführerin um die Brisanz: „Es ist das Tor zum Klinikum, die Visitenkarte.“ Und dort hakt es nach subjektiver Auffassung vieler Patienten und Angehöriger – nicht allein in Offenbach. Verständlich. Dort finden sich Menschen in einer absoluten „Notsituation“ wider. Als eins der ersten Häuser bundesweit hatte das Hamburger Albertinen-Krankenhaus eine solche Kurzlieger-Station installiert und erhielt dafür 2012 den Deutschen Innovationspreis im Gesundheitswesen. Dr. Kiefl: „Wir haben uns davon inspirieren lassen und es an unsere Bedürfnisse angepasst.“ In Hamburg nennt sich das „Inka“, eine Abkürzung für die Offenbacher Station ist noch nicht gefunden.

Aufgenommen werden diejenigen Patienten, die in der Notaufnahme keiner Fachabteilung eindeutig zuzuordnen sind oder deren stationärer Behandlungsbedarf eine Dauer von zwei Tagen nicht überschreiten wird. Dr. Kiefl: „Das gibt die Fachliteratur nicht vor; dieses Ziel haben wir uns gesteckt.“ Welche Patienten können das sein? Mecke-Bilz, die selbst aus der Krankenpflege kommt: „Gerade in Sommermonaten etwa ältere Menschen, die eigentlich nur zu wenig trinken und bei denen eine Regulierung ihres Flüssigkeits-Haushalts ausreicht.“ Die Klinik-Fachleute bezeichnen das als „Touch-Quality statt High-Tech-Quality“ – in etwa: weniger aufwändige Gerätemedizin als qualifizierte Betreuung. Stationsärztin Monika Ullrich legt jedoch Wert auf die Feststellung: „Die Zimmer sind komplett ausgestattet für alle Eventualitäten.“

Kurios: Da staunt sogar der Arzt

Medizin kurios: Bei diesen Patienten staunt sogar der Arzt

Sie dienen zudem als eine Art Puffer. „Mit diesem neuen Raumkonzept bieten wir Patienten, die im Lauf des Tages auf Station verlegt werden, eine ruhigere Atmosphäre, wo sie mit ihren Angehörigen warten können, bis ihre Aufnahme in die Fachstation möglich ist“, sagt Dr. Kiefl. Solche Wartezeiten entstehen etwa durch verlängerte Belegung der Stationszimmer; mit Patienten, die zwar entlassen, aber erst abends von Angehörigen abgeholt werden.

Das ist eine Folge einer oft geforderten besseren Auslastung des Klinikums. Lag die Belegung bei Antritt von Mecke-Bilz – rein rechnerisch – bei 78 Prozent, ist der Wert am gestrigen Donnerstag um einiges höher. Um 13 Uhr zeigt ein Blick ins interne Datensystem 93 Prozent.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare