Offenbacher Klinikum: „Gab keinen Geburtsfehler“

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Für Ex-Aufsichtsratschef Hermann Schoppe hängt die Misere nicht mit einem Geburtsfehler des Neubaus zusammen.

Offenbach - Mit Erstaunen, auch mit Entsetzen, nimmt die Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass dem Personal des Klinikums Offenbach ein Aderlass bevorstehen soll. Dabei ist der Personalabbau ein alter Hut. Von Thomas Kirstein

Teils wird die Ankündigung der von der Berliner Vivantes nach Offenbach entsandten Interims-Geschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz als überraschende drakonische Spar-Maßnahme verkauft.

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Doch die jetzt erschreckende Zahl 300 ist nicht neu. „Schon 2004 war beim Beschluss über den Neubau der mittelfristige Abbau von 300 Vollzeitkräften vorgesehen“, erklärt der Offenbacher CDU-Ehrenvorsitzende Hermann Schoppe, der neben Ex-Oberbürgermeister Gerhard Grandke (SPD) als einer der Väter des neuen Klinikums gilt. Bis 2006 war der ehemalige Landtagsvizepräsident Vorsitzender des Klinik-Aufsichtsrats. Heute steht er dem Förderverein des Klinikums vor und beobachtet zutiefst besorgt die Entwicklung am Starkenburgring.

Wie berichtet, deckten die vom Magistrat zu Hilfe gerufenen Experten des kommunalen Berliner Krankenhausverbunds extreme Mängel in Betrieb und Organisation auf. Allein in diesem Jahr werden 42 Millionen Euro fehlen, um die Ausgaben zu decken. Ein strammer Sparkurs ist verordnet.

„Alle Verantwortlichen hatten immer zuallererst die Kosten im Blick“

Für Hermann Schoppe hängt die Misere nicht mit einem Geburtsfehler des Neubaus zusammen, der auf dem Irrtum beruhte, man könne das Projekt weitgehend über die Erlöse aus dem Betrieb finanzieren: „Alle Verantwortlichen hatten immer zuallererst die Kosten im Blick.“ Er erinnert an die Ausgangslage, als sich die Frage stellte, ob man das jahrelang vernachlässigte Krankenhaus für mindestens 128 Millionen Euro sanieren oder gleich einen Neubau für 140 Millionen Euro (daraus sind 160 Millionen geworden) wagen sollte.

„Alle Beschlüsse für den Neubau wurden immer einmütig in allen Gremien im Rathaus und im Klinikum, also auch von den Arbeitnehmervertretern, gefasst“, stellt Schoppe klar. Der Finanzierungsplan 2004 bis 2022 habe immer auch Zins und Tilgung beinhaltet. Allerdings fiel die Entscheidung 2004 aufgrund von ausdrücklich festgehaltenen Prämissen, von denen sich kaum eine erfüllte.

Schoppe listet auf: Der Neubau sollte am 1. Januar 2009 in Betrieb gehen (es wurde Mitte 2010), der Abbau von 300 Stellen, Mehrerlöse durch mehr psychiatrische Betten, weitere Rationalisierungen, Erlöse aus der Nutzung des frei werdenden Areals (der alte Zentralbau steht immer noch), sinkende Energiekosten durch ein Contracting-Modell mit der EVO (tatsächlich wird es teurer), Synergie-Effekte durch Kooperationen mit anderen Kliniken (haben sich bekanntlich zerschlagen).

Dem Betriebsrat wirft Hermann Schoppe „Blockaden in vielen wesentlichen Fällen“ vor

Als weitere Faktoren für ein seit langem unzureichendes Betriebsergebnis sieht Schoppe „Mängel im Management im Rathaus und im Klinikum“, die er aber nicht detailliert benennen möchte. Dem Betriebsrat aber wirft er „Blockaden in vielen wesentlichen Fällen“ vor.

Konkret addiert Schoppe als negative Faktoren die Mehrwertsteuererhöhung, die das Klinikum im Jahr mit 3,2 Millionen Euro belastet, sowie ein Minus von jährlich 800 000 Euro durch die Gesundheitsreform. Laut Schoppe haben die Verhandlungen der Gewerkschaft Verdi Offenbachs Klinik Personalkostensteigerungen von 750 000 Euro im Jahr beschert, der Ärztestreik des Marburger Bunds gar 980 000 Euro.

Statt zu Personalabbau sei es zur Einstellung von 50 Leasing-Mitarbeitern gekommen. Das im Rathaus beschlossene Jobticket koste 350 000 Euro im Jahr, durch politische Entscheidungen sei das Parkhaus 1,5 Millionen teurer geworden. Entgegen der ursprünglichen Absicht sei der Neubau für mehrere Millionen Euro vollständig mit neuen Betten ausgestattet worden.

Wie es weitergehen soll, wenn der sechsmonatige Vertrag mit den Geschäftsbesorgern von Vivantes ausgelaufen ist, weiß Hermann Schoppe nicht: „Momentan bin ich ziemlich ratlos.“

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