Komplikationen nach Kaiserschnitt

Auch wer pflegt, soll zahlen

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Offenbach - Offenbachs Klinikum streitet sich mit Patienten über eine Rechnung für sogenannte Wahlleistungen. Von Thomas Kirstein

367,62 Euro soll eine junge Familie zahlen, weil der Vater nach lebensgefährlichen Komplikationen im Anschluss an einen Kaiserschnitt im Krankenhaus blieb, um Mutter und Säugling zu versorgen.

Nicht neu, dass Offenbachs Klinikum ums Überleben kämpft; um die Insolvenz abzuwenden, müssen die Stadtverordneten übermorgen weitere 30 Millionen Euro Zuschuss absegnen. Die Sanierung, die es auf Dauer neben einer unumgänglichen Kooperation mit anderen Häusern richten soll, ist laut Geschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz auf gutem Weg, das Einsparziel für dieses Jahr werde erreicht, versicherte sie neulich. Offenbar aber sollen am Starkenburgring nicht nur eisern Kosten gedrückt, sondern auch knallhart Erlöse gesteigert werden. Angesichts von weiteren 30 Millionen aus der leeren Stadtkasse scheinen 367,62 Euro vielleicht als vernachlässigenswerte Größe. Kleinvieh macht aber auch Mist.

Verfahren bei der Gutachter- und Schlichtungsstelle

Gegenwärtig läuft ein Verfahren bei der Gutachter- und Schlichtungsstelle, bei dem es um den genannten Betrag geht. Deswegen mag die Geschäftsführung des Klinikums momentan keine Stellung nehmen.

Im Gegensatz zu den Leuten, die diese für sie keineswegs geringe Summe zahlen sollen: Die beklagen eine ungerechtfertigte Rechnung.

Die geraffte Geschichte, wie sie die Betroffenen schildern: Stefanie B. bringt am 16. Mai eine gesunde Tochter zur Welt, nach 34 Stunden Wehen und Kaiserschnitt. Dann bekommt sie starke Schmerzen. Erst als sie am Abend nur noch schreit, wird eine CT-Untersuchung angeordnet. Ergebnis ist ein Bluterguss hinter dem Bauchfell. Es folgt eine mehrstündige Operation, bei der laut der Patientin ein Harnleiter verletzt wird. Es folgt eine weitere OP. Ob Behandlungsfehler vorliegen, wird noch geprüft.

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Die junge Mutter kann das Bett zunächst gar nicht, bis zur Entlassung nur mit Hilfe verlassen. Der junge Vater schaltet sich umgehend ein und wird zur persönlichen Pflegeperson. „Mein Mann musste mich und das Kind rund um die Uhr versorgen, er holte mir das Frühstück vom Buffet, wickelte unsere Tochter, gab sie mir zum Stillen, fütterte sie mit der Flasche, begleitete mich zur Toilette, wusch mich“, erzählt die 29-Jährige. Sie ist sicher, dass sich die Schwestern der Station ganz anders hätten organisieren müssen, um sich angemessen um sie zu kümmern. Bei der Entlassung fragen die Eltern, ob man ihnen mit den Kosten für die Begleitperson – Papa B. hatte unterschrieben – entgegenkommen könne. Prüfung wird signalisiert.

Rechnung über 367,62 Euro

Am 17. Juli jedoch geht die Rechnung über 367,62 Euro für „Unterbringung in Ein- oder Zweibettzimmer pro Tag 61,27“ bei den B.s ein. Die sind empört: „Nach all dem, was wir durchgemacht haben, so viel Geld dafür zu verlangen, dass mein Mann Frau und Kind versorgt und damit eine Arbeit übernommen hat, die die Klinik hätte leisten müssen, ist unverschämt und sehr verletzend.“

Im Klinikum sieht man das freilich anders. Auf nicht offizieller Schiene wird die Versicherung übermittelt, dass man auch ohne den Vater alles zum Wohl von Mutter und Kind im Griff gehabt hätte. So viel Vorschuss-Vertrauen hat der Jung-Vater angesichts des womöglich auch durch die Behandlung verursachten Zustands seiner Frau augenscheinlich nicht aufbringen können. Rechtlich ist an der Rechnung wohl nicht zu rütteln. An die Kulanz des Krankenhauses zu appellieren, erscheint gleichwohl nicht unbillig.

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