„Knastis“ Erfahrungen

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Der Gang zur Mainarbeit in der Domstraße erleben Hartz IV-Empfänger oftmals als entwürdigend und schikanös, wie die neue Initiative „SGB2 Dialog“ berichtet.

Offenbach ‐ Leistungen werden verweigert, Akten verschlampt, Antragsteller schikaniert - Klagen von Hartz IV-Empfängern über die Mainarbeit, die Arbeitsgemeinschaft der Agentur für Arbeit und der Stadt, gibt es in regelmäßigen Abständen. Der Ärger der Betroffenen ist mittlerweile aber so groß, dass sie sich organisieren. Von unseren Redaktionsmitgliedern

Unter dem Namen „SGB 2 Dialog“ haben sich Bezieher von Arbeitslosengeld II zusammengeschlossen. „Anlass für die Bildung der Initiative waren Erfahrungen mit Vertretern der Mainarbeit, die als entwürdigend, diskriminierend und schikanös erlebt wurden“, sagt Daniel K., einer der Initiatoren, der ebenso wie allen anderen aus Angst vor Nachteilen seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung genannt haben möchte.

Die Hartz IV-Empfänger wollen sich gegenseitig praktisch und moralisch unterstützen. „Denn viele Langzeiterwerbslose geraten durch ihre materielle Armut, ihre Bedeutungslosigkeit auf dem regulären Arbeitsmarkt und die damit oft einhergehende Scham bald ins soziale und kulturelle Abseits“, berichtet K. Mit diesem Selbstverständnis gehe die Selbstsicherheit flöten und das Gefühl dafür, noch irgendwelche Rechte zu haben und diese auch einzufordern.

Deshalb bieten die zehn zum festen Kern der Gruppe gehörenden Teilnehmer auch an, Betroffene zu ihren Gesprächen mit Mitarbeitern der Mainarbeit zu begleiten.

Beispielsfälle, welche das ihrer Meinung nach untragbare Verhalten der Mainarbeit dokumentieren, hat die Initiative in Hülle und Fülle.

Sachbearbeiter hatte Visa-Stempel in den Ausweisen vermutet

Wie etwa den Ärger des Heinz M: Weil sein Vater gestorben war, beantragte er bei seinem sogenannten Persönlichen Ansprechpartner (im Behördenjargon als PAP bezeichnet) fünf Tage Abwesenheitserlaubnis. Er wollte seinem Vater die letzte Ehre erweisen und zu dessen Begräbnis nach Kroatien fahren. Doch der PAP verweigerte die Zustimmung. Zwei Wochen später bestellte er Heinz M. ein und forderte ihn auf, seinen Pass wie auch den seiner Ehefrau und der beiden Kinder vorzuzeigen. Der Sachbearbeiter hatte offenbar Visa-Stempel in den Ausweisen vermutet.

Die PAP, vor allem die als Quereinsteiger angestellten, fühlen sich wohl selbst oft überfordert und haben Angst um ihre eigenen, meist lediglich befristeten Arbeitsstelllen“, glaubt Maria Z. In ihrem Fall waren drei aufeinander folgende Krankmeldungen auch nach mehreren Wochen trotz Abgabe an der Pforte der Mainarbeit angeblich nicht beim PAP angekommen. Lange nachdem Maria Z. wieder gesund war, kündigte er ihr anscheinend ohne Blick in ihre Akte schriftlich an, wegen eines nicht eingehaltenen Gesprächstermins zu Beginn der fünfwöchigen Krankheit die monatliche „Stütze“ von 359 Euro drei Monate lang um knapp 36 Euro zu kürzen.

Nach drei Wochen schmorten Dokumente im Behördenschrank

Ein weiterer Fall: Olga N. wäre fast um den Antritt einer Arbeitsstelle gebracht worden. Auf Anforderung ihres Persönlichen Ansprechpartners hatte sie ihm ihre Bewerbungsmappe zur Weitergabe an den potenziellen Arbeitgeber überlassen. Doch auch nach drei Wochen schmorten die Dokumente noch im Behördenschrank. Erst als Olga N. noch einmal ihre Unterlagen in zweiter Ausfertigung direkt an die fragliche Firma schickte, erfuhr sie von der niemals angekommenen Mappe. Auch Franz B. erzählt von einer für ihn unvergesslichen Begegnung mit der Mainarbeit: Bei einem Gesprächstermin über seine Arbeitssituation begrüßte ihn sein PAP mit der Frage, ob er seine Haftstrafe denn schon abgesessen habe. B. verstand die Frage nicht, hatte er doch weder irgendeine Straftat begangen, noch war er jemals im Knast.

Wer Interesse hat, den „SGB2 Dialog“ kennen zu lernen oder dort mitzumachen, kann sich per E-Mail an „sgb2dialog.of@web.de“ wenden oder unter Tel.: 0175/ 8822323 anrufen.

Doch der PAP blieb bei seiner Aussage. Erst nach mehrmaligem Beteuern und Hinweisen auf die in seiner Akte befindlichen aktuellen Bewerbungsschreiben schlug der PAP den zur Vorbereitung auf das Gespräch mitgebrachten Ordner auf – und stellte ohne Entschuldigung fest, er habe da wohl die falsche Akte erwischt. Franz B. hat seitdem den zweifelhaften Namen „Knasti“.

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