Kneipe, Kiosk und Knast - eine Karriere

Offenbach ‐ „Da kommen Sie noch gut bei weg!“ - abschließender Kommentar von Richter Manfred Beck bei der Urteilsverkündung. Drei Jahre und drei Monate Gefängnis brummte Beck dem bisher wohnsitzlosen Reiner H. auf. Der hatte bis zum Schluss hartnäckig jegliches Geständnis zu den zahlreichen Anklagepunkten verweigert hatte. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Dabei hätte er aus Erfahrung eigentlich wissen können, dass sich Schweigen vor Gericht eher nachteilig auswirkt: 20 seiner 52 Lebensjahre hat er schon im Gefängnis verbracht. Was sich bekanntlich ebenfalls nicht gerade strafmildernd auswirkt.

Trotzdem hatte weder die Verteidigung noch Staatsanwalt Dirk Schillhahn für ein so üppiges Strafmaß plädiert, zumal es für das erste und folgenschwerste der fünf verhandelten Delikte weder handfeste Beweise noch Augenzeugen gab. Richter Beck konnte jedoch nach einer halbstündigen Beratung mit seinen Schöffen in der Urteilsbegründung sehr gut darstellen, warum er die sichergestellten Indizien als ausreichenden Nachweis wertete.

Reiner H. traf sich demnach am 24. Mai dieses Jahres mit zwei Bekannten am Hauptbahnhof. Der 44-jährige Alexander A. aus Offenbach gab Getränkerunden aus. Das Geld dafür zog er - für alle gut sichtbar - aus einem mit 10.000 Euro in überwiegend großen Scheinen gefüllten Briefumschlag. Als Reiner H. sich später verabschiedete, war das Geld verschwunden und Alexander A. meldete der Polizei einen Diebstahl.

In Widersprüche verwickelt

Am gleichen Tag kaufte sich der Verurteilte – obwohl er keinen Führerschein besitzt - beim Kioskbesitzer Gohar M. für 3.000 Euro in ebenfalls großen Scheinen ein BMW Cabrio. Der Verkäufer hatte als Zeuge ausgesagt, H. sei schon lange am Auto interessiert, aber nie flüssig genug gewesen.

Der Käufer seinerseits erklärte den plötzlichen Geldsegen mit Zuwendungen seiner Eltern – belegt sind 6.600 Euro über einen langen Zeitraum –, die er gespart und in große Scheine umgetauscht habe. Als die Recherche bei seinen Eltern ins Leere lief, verwickelte er sich in Widersprüche und erklärte, das Geld stamme von einem Fremdenlegionskameraden.

Die Vorgeschichte der weiteren Anklagepunkte - gefährliche und einfache Körperverletzung, Beleidigung, Widerstand, versuchter tätlicher Angriff und Beleidigung gegen Vollstreckungsbeamte - ereignete sich in der Wohnung von Johanna N. in Lohr am Main. Die hatte sich dort am 18. April mit Reiner H. zu einem „Umtrunk“ getroffen. Als die 40-jährige einen Anruf entgegen nahm, wurde der Gast eifersüchtig, riss ihr das Telefon weg. Im Streit trat er ihr das Gesicht blutig, versperrte den Weg Richtung Bad und Hausflur. Sie sprang in Panik aus dem Fenster im Parterre.

Inzwischen traf die von einer älteren Nachbarin gerufene Polizei ein, was den alkoholisierten Reiner H. gar nicht in den Kram passte. Er versuchte mit einer Drohgebärde aus nächster Nähe, die Beamten einzuschüchtern. Die blieben unbeeindruckt und quittierten die Aggression mit einer vollen Ladung Pfefferspray.

So gereizt, setzte H. zu weiterem Machtspiel an. Diesmal mussten ein Bilderrahmen und die Flurkommode als Waffen gegen die Staatsgewalt herhalten. Da aber auch das erfolglos blieb, setzte der Betrunkene als letztes Mittel die Beamtenbeleidigung ein. Doch Niederlage auf der ganzen Linie. Fast jedenfalls. Zumindest die gemessenen 2,5 Promille Blutalkohol wirkten sich für den Gewohnheitstrinker H. schuldmindernd aus.

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