Fast vergessenes Kapitel

Jüdische Lokalderbys in Offenbach mit Bar Kochba

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Auch in Offenbach gab es zwei jüdischen Fußballvereine, die bis zu den Pogromen des 9. November 1938 im Deutschen Reich existierten.

Offenbach - Seit mehr als 300 Jahren gibt es eine jüdische Gemeinde in Offenbach. Sie hat herausragende Persönlichkeiten hervorgebracht und Impulse gesetzt, deren historische Bedeutung über Offenbach hinausreicht. Von Joachim Göres 

Weniger bekannt ist hingegen, das es hier auch jüdische Fußballvereine gab. Mit der Reichspogromnacht endete ihre Geschichte. Hat Deutschland die Austragung der Fußballweltmeisterschaft 2006 gekauft? Eine Frage, die auch Lorenz Peiffer nicht beantworten kann. In einem Punkt ist sich der emeritierte Professor für Sportpädagogik an der Uni Hannover allerdings sicher: „Wenn die WM damals nicht in Deutschland stattgefunden hätte, dann gäbe es bis heute keine Aufarbeitung der jüdischen Geschichte des deutschen Fußballs.“ Im Jahre 2000, als die WM 2006 vergeben wurde, fasste der DFB die Entscheidung zur Aufarbeitung seiner Vergangenheit im Dritten Reich.

Peiffer befasst sich mit diesem Thema schon wesentlich länger. In diesem Monat erscheint von ihm und dem Historiker Henry Wahlig das Buch „Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland“. Nachdem Juden nach der NS-Machtübernahme ab März 1933 aus ihren alten Vereinen geschmissen wurden, durften sie seitdem nur noch in eigenen Vereinen aktiv sein. Mitte der 30er Jahre gab es nahezu 200 jüdische Vereine mit 60.000 Mitgliedern. Sie waren in zwei Verbänden organisiert und spielten meist getrennte Meisterschaften aus – Makkabi propagierte den Aufbau des Staates Israel, Schild betonte dagegen seinen deutschen Patriotismus und stand dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten nahe. Spiele gegen nicht-jüdische Clubs waren kaum noch möglich.

Peiffer und Wahlig beschreiben detailliert die Entwicklung jedes einzelnen Vereins. Bei Bar Kochba Offenbach, der dem deutschen Makkabikreis angehörte, sind seit 1935 Spiele auf dem Sportplatz am Nebenbahnhof dokumentiert, zunächst der Schüler- sowie der Jugendmannschaft. Die drei Herrenmannschaften trugen ab 1936 zahlreiche Freundschaftsspiele aus, gegen jüdische Vereine aus Würzburg, Nürnberg, Karlsruhe, Hanau und Frankfurt. In Spielberichten werden die Namen der Spieler Ackermann, Fried, Hellmann und Stiefel genannt. Auch erwähnen damalige jüdische Zeitungen laut Peiffer und Wahlig einen zweiten Offenbacher Verein, den JSpV, später JSV, gegen den Bar Kochba Offenbach häufiger in Lokalderbys antrat. Im Dezember 1936 spielten die beiden Vereine zugunsten der jüdischen Winterhilfe gegeneinander, die notleidende Juden unterstützte – JSV gewann seinerzeit mit 6:0.

In der Saison 37/38 kämpfte BK Offenbach dann erstmals in der acht Vereine zählenden Gruppe Mainkreis um Punkte, mit unterschiedlichem Erfolg: JTB Frankfurt wurde 7:2 geschlagen, gegen JJB Hanau (3:2 und 2:3) und Bar Kochba Frankfurt (1:6 und 2:9) lief es nicht ganz so gut. Angesichts der wachsenden Auswanderung sank ab 1937 die Zahl der Spiele und es wurden häufiger Spielgemeinschaften mit JJB Hanau gebildet. Bis zur Reichspogromnacht war BK Offenbach mit einer Schüler- und einer Herrenmannschaft aktiv.

Lorenz Peiffer, Henry Wahlig: Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland. Verlag Die Werkstatt, 576 Seiten, 44,90 Euro

Am 9. November 1938 wurden im Deutschen Reich nicht nur Synagogen zerstört und Juden umgebracht, sondern das vorläufige Ende für jüdische Fußballer in Deutschland besiegelt – die Nationalsozialisten verboten allen jüdischen Vereinen am 10. November die Sportausübung unter freiem Himmel. Heute gibt es wieder jüdische Sportvereine in Deutschland. Im Verband Makkabi sind 37 Ortsvereine organisiert, darunter zwei in Hessen. In Wiesbaden werden Fitness, Schach, Tischtennis und Turnen angeboten, in Frankfurt gehört zu den neun Sparten auch eine Fußballabteilung mit Herren- und Juniorenmannschaften.

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