Offenbacher Geschichtswerkstatt stellt einen örtlichen Bezug zum „Zug der Erinnerung“ her

Koffer steht noch in Auschwitz

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Die Ortsnamen auf den Koffern am Gleis 6 des Hauptbahnhofs zeigen, wohin im Herbst 1942 für 800 Offenbacher meist jüdischer Herkunft die letzte Reise ging: in die Vernichtungslager.

Offenbach - (adr) Der Zug der Erinnerung ist abgefahren. „Stolpersteine“ und das Andenken an die vielen Opfer bleiben. Die Mitglieder der Geschichtswerkstatt Offenbach, die den Verein „Zug der Erinnerung“ örtlich unterstützten, zählten pro Stunde bis zu 60 Besucher auf Gleis 6 des Hauptbahnhofs.

In zwei Waggons erinnerten Tafeln mit vielen Bildern, Briefen, Landkarten und schriftlichen Befehlen an die Deportation von Kindern und Jugendlichen während der Nazi-Herrschaft. Auf die Schienen ging die Bürgerinitiative, nachdem sich die Bahn geweigert hatte, mit einer Ausstellung Mitverantwortung an den Verschleppungen in die Vernichtungslager einzugestehen.

NIKOLETA ZYOLLEWSK (14)(links): „Ich habe vorher nichts von diesen Dingen gewusst. Am meisten nahm mich mit zu sehen, dass all diese Leute in die Konzentrationslager mussten, und die Geschichte der Liebenden, die dadurch nicht zusammen sein konnten.“ ESRA ÖZTÜRK (17): „Ich kam durch meine Lehrerin darauf, mir die Ausstellung anzuschauen. Dass so viele Menschen so leiden mussten, bewegt und ergreift mich. Ich denke allerdings nicht , dass so etwas heutzutage nocheinmal passieren könnte.“

Bilder zeigen glücklich lachende kleine Kinder. Fast alle Fotos wurden erst kurz vor ihrer Deportation genommen, bevor sie von ihrer Familie getrennt wurden und einen Zug besteigen mussten, ohne zu wissen, wohin dieser sie bringen und was dort mit ihnen geschehen würde. Die meisten dieser Kinder - Juden, Sinti, Roma - wurden in den Lagern umgebracht.

SIMONE FRICKE (37): „Meine Oma stammt aus Schlesien. Sie und ihre Schwester wurden damals auch deportiert, überlebten aber beide. Ich komme aus der DDR und lernte schon in der Schule viel über das Thema und die Schicksale der Leute .“

Den Deportierten aus Offenbach zu gedenken und einen direkten Bezug herzustellen, war das Anliegen von Peter Hammerich, Barbara Leissing und Günter Burkart von der Geschichtswerkstatt. Sie stellten Tafeln mit biografischen Informationen von Offenbacher Opfern zur Verfügung und führten zweimal täglich zu Hauptbahnhof-nahen „Stolpersteinen“ - das sind Messingplatten, die vor jenen Häusern in den Boden eingelassen sind, in denen NS-Opfer zuletzt wohnten. Dort schilderten sie einzelne Schicksale. Etwa das der Eheleute Schönhof, die in der Bismarckstraße wohnten und die „Schuh- und Lederwarenfabrik Schönhof-Strauss“ führten. Sie kamen 1942 zunächst nach Theresienstadt, wo Otto Schönhof kurz darauf starb; Paula Luise fand den Tod in Auschwitz. Ihre Koffer kann man noch immer in der Gedenkstätte Auschwitz zusammen mit tausend anderen besichtigen.

ALEXANDER KUCHTA (21): „Am meisten berührt mich, dass man Bilder und Menschen zu den einzelnen Fakten sieht. Die Sinnlosigkeit, die Grausamkeit. Dass so viel Energie darauf verwendet wurde, Menschen zu verschleppen und zu töten.“

Viele weitere solche Schicksale berührten die Besucher der Ausstellung. Besonders etlichen Jüngeren war offenbar das Ausmaß der Geschehnisse gar nicht klar. Sie hatten in der Schule nichts über Deportationen gelernt und waren geschockt, dass so etwas auch in ihrer Heimatstadt passiert ist.

Besonders an sie richten sich die politisch unabhängigen Ausstellungsmacher, die den Zug auf die Reise durch deutsche Städte geschickt haben. Auch die nächste Generation soll aufgeklärt werden. „Einen Schlussstrich zu ziehen, würde bedeuten sich den Schicksalen zu verschließen“, sagt Hans-Rüdiger Minow, der Vereinsvorsitzende.

TORBEN GEISLER (22): „Die Familie meiner Großeltern war damals auf der Flucht, weil sie sich weigerte, daran teil zu nehmen und den Nazis zu helfen. Es schockiert mich, dass es möglich war, so viele Menschen zu solchen Gräueltaten zu bewegen.“Fotos: Ross

Aber nicht nur junge Offenbacher kamen. Auch viele Ältere nutzten den „Zug der Erinnerung“. Vor den Tafeln und den Bildern der verschleppten Kinder wurden sogar Blumen niedergelegt. Für Besucher, die während des Naziregimes Verwandte oder Bekannte verloren haben, stellte der Verein im Waggon einen Computer zur Verfügung, mit dessen Hilfe in Deportationslisten nach Namen gesucht werden konnte.

Offenbach war der vorletzte Bahnhof, den der Zug anfuhr, bevor er seine Reise nach Wiesbaden fortsetzte. Dann gerät er für eine Sommerpause aufs Abstellgleis, aber sicher nicht in Vergessenheit...

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