Tschö, Häusje!

Kolpingfamilie trennt sich von Anwesen an Luisenstraße

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Über sechs Jahrzehnte wurde im Kolpingsaal gelacht, getanzt und gesungen. Die Fastnachtsveranstaltungen waren fast immer ausverkauft. Der Karneval bei den Kolpingern geht aber weiter. Für die Kampagne 2018/2019 wurde der Mariensaal in der Krafftstraße gemietet.  

Offenbach - Gut 60 Jahre lang wurde im Kolpinghaus an der Luisenstraße gefeiert, getanzt, getagt. Damit ist ab März Schluss, der katholische Sozialverband verkauft sein Anwesen. Mit den Aktivitäten der Kolpingfamilie geht es aber weiter. Für die großen Veranstaltungen werden fortan Räumlichkeiten angemietet. Von Steffen Müller 

Von außen besitzt das Kolpinghaus den unrühmlichen Charme eines Gebäudes aus der Nachkriegszeit: beige-graue Fassade, schlichte Architektur, ein typischer Zeilenbau. Auch der große Saal im Hinterhof des Grundstücks an der Luisenstraße ist kein Hingucker. Der triste Anblick lässt nicht vermuten, dass hinter den dünnen Mauern rauschende Feste gefeiert wurden. Doch hier wurde über sechs Jahrzehnte regelmäßig ausgiebig getanzt, aus voller Kehle gesungen und herzhaft gelacht. Vor allem bei den Fastnachtssitzungen der Kolpingfamilie. „Was wir hier alles erlebt haben“, sagt Thorsten Haag und schaut sich im großen Saal um. „Als ich klein war, stand ich hier mit Luftballons in der Hand beim Kinderfasching“, erinnert sich der heutige Präsident der Kolpingelfer. „Ich war als 16-Jähriger das erste Mal hier“, ergänzt Eberhard Wernig, Haags Vorgänger und Vorsitzender des Kolpinghaus e.V., der sich um die Verwaltung der Immobilie kümmert.

Für die Offenbacher Kolpingfamilie endet mit der diesjährigen Kampagne eine Ära. Das Grundstück geht in Besitz des Gemeinnützigen Siedlungswerks (GSW), das sämtliche Gebäude auf dem Gelände abreißen und dort sowie auf dem ebenfalls erstandenen Nachbargrundstück Mietwohnungen bauen lässt.

Von außen wirkt das Kolpinghaus an der Luisenstraße wenig einladend. Doch drinnen und im Saal wurden rauschende Feste gefeiert.

„Am 1. März fällt der Hammer“, drückt es Wernig zunächst noch wenig sentimental aus, um kurz darauf in Erinnerungen zu schwelgen. „Natürlich ist da Wehmut dabei. Viele Ehepaare haben sich bei unseren Veranstaltungen kennengelernt. Es waren immer Familienfeste. Schon unsere Eltern waren bei Kolping.“ Wernigs Vater war früher selbst engagiertes Mitglied und baute das Haus nach dem Krieg mit auf. „Es entstand alles in Eigenarbeit.“ 1952 wurde der Grundstein gelegt, am 18. und 19. September 1954 wurde das Haus feierlich eingeweiht. Als der Fastnachtszug noch durch die Offenbacher Innenstadt führte, zog er auch am Kolpinghaus vorbei. Thorsten Haag weiß noch genau, wie der Elferrat mit seinem Wagen vor dem Haus immer kurz halt gemacht hat. „Das fanden die Verantwortlichen des Zugs gar nicht lustig.“

Auch heute noch ziehen die Fastnachtsveranstaltungen der Kolpingfamilie die Massen an. Die Sitzungen sind Jahr für Jahr fast komplett ausverkauft. „Der Saal ist rentabel“, sagt Haag. Hinter dem Verkauf steckt etwas anderes. Das Vorderhaus, das früher ein Jugendwohnheim war und heute von der Mainarbeit als Mietwohnungen genutzt wird, muss dringend renoviert werden. „Die nötigen Investitionen übersteigen den Wert der Immobilie und des gesamten Geländes“, sagt Haag.

Finanzielle Gründe gaben aber nicht den einzigen Ausschlag für die Entscheidung. „Der Verwaltungsaufwand des gesamten Gebäudes ist unglaublich hoch und wir werden alle nicht jünger“, erläutert Wernig. 67 Mitglieder zählt die Offenbacher Kolpingfamilie, das Durchschnittsalter liegt bei 62 Jahren. „Die Basis ist schmaler geworden“, bedauert Haag. „Das macht es für uns Ehrenamtler immer schwieriger.“

Rathaussturm und Kolping-Sitzung in Offenbach

Auflösen wird sich der katholische Sozialverband in Offenbach freilich nicht. Die Verwaltung bezieht Räumlichkeiten in der Kirche St. Konrad an der Waldstraße. Dort treffen sich fortan auch die Vereinsmitglieder. Auch die Zukunft der Fastnacht ist gesichert. Die Sitzungen der Kampagne 2018/19 finden im Saal der Marienkirche an der Krafftstraße statt.

Obwohl das Grundstück erst nach Karneval verkauft wird, beeinflusst der Abschied die diesjährige Kampagne. Den Kehraus am Fastnachtsdienstag wird es nicht geben, kündigt Haag an. „Das wäre ein zu trauriges Ende.“ Dafür wird am Samstag, 10. Februar, bei der „Tschö-Häusje-Party“ noch mal ordentlich gefeiert. „Das ist ein zusätzlicher Termin, um uns gebührend zu verabschieden.“

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