Jugend Orientierung geben

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Die Party in der Werkstatt wird wild: Sylvia (Anna-Lena Klenke) provoziert Lukas (Markus Quentin). Das überfordert ihn. Im Hintergrund: Jasmin Kleinbub, Julius Nitschkoff, Moritz Hohmann und Marija Schwetz. Den Film „Komasaufen“ zeigt die ARD heute um 20.15 Uhr und stößt damit eine Sucht-Debatte an.

Offenbach - Am heutigen Film-Mittwoch greift das Erste ein heikles Thema auf: Komasaufen. Als Lukas mit dem Trinken anfängt, hat er plötzlich gute Freunde und Erfolg in der Liebe. Dem 16-jährigen ist nicht bewusst, welche Probleme er heraufbeschwört...

Frank Weber will das öffentliche Bewusstsein für Suchtprobleme schärfen.

Aber der Alkohol allein ist nicht schuld an der Sucht. Auch das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle. In Offenbach bemüht sich ein enges Netzwerk, bereits Schüler durch Förderung von Eigenverantwortung, Konfliktfähigkeit und sozialer Kompetenz darin zu unterstützen, ein Leben ohne Sucht zu führen. Redakteur Martin Kuhn sprach darüber mit Frank Weber, im Ordnungsamt für die kommunale Prävention zuständig.

Suchtprobleme, das sind für viele allein Drogenprobleme: Hasch, Ecstasy, Kokain. Das Bier nach dem Kickersspiel oder der Weißwein zum Essen zählt nicht dazu, oder?

Ein gelegentliches Glas Wein stellt sicher für die meisten Erwachsenen kein gesundheitliches Problem dar. Es gibt aber gute Gründe, auch die Probleme mit legalen Drogen ernst zu nehmen. Allein 74 000 Todesfälle in Deutschland waren 2011 auf übermäßigen Alkoholkonsum zurückzuführen. Das bedeutet nicht, dass die illegalen Drogen ungefährlich wären. Keinesfalls zu vergessen sind die Suchtprobleme durch Glücksspiel mit oft verheerenden Folgen für die Betroffenen und ihre Familien.

Die offiziellen Zahlen sind beängstigend: 9,5 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Aber doch wohl nicht in Offenbach?

Ich kenne keinen Grund, warum Offenbach eine „Insel der Nichtbetroffenen“ sein sollte. Die Zahl von Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen liegt etwa im Bundesdurchschnitt. 2011 wurden 602 Patienten aus Offenbach wegen psychischer und Verhaltensstörungen durch Alkohol vollstationär in Krankenhäusern behandelt, weitere 62 wegen einer alkoholischen Leberkrankheit.

Das sogenannte Vorglühen, das Lustigmachen, gehört bei jungen Leuten zum guten Ton. Und da kommen Sie und andere Experten mit Suchtprävention... Machen Sie die Spaßbremse?

Gegenfrage: Ist „Trinken bis der Arzt kommt“ wirklich spaßig? Jugendliche müssen ihre Orientierung erst finden. Dabei sollten die Erwachsenen sie nicht allein lassen. Sollen wir bei lebensgefährlichen Alkoholvergiftungen durch Spirituosen einfach zuschauen? Jährlich müssen 25 bis 30 Jugendliche aus Offenbach wegen akuter Alkoholvergiftung klinisch behandelt werden.

Was geht es mich an, wenn andere sich die Birne zudröhnen? Sollte nicht jeder selbst entscheiden, wann er was und wie viel trinkt?

Nicht nur die Konsumenten selbst, auch andere leiden durch übermäßigen Alkohol- oder Drogenkonsum. Neben der Eigengefährdung und den Behandlungskosten, die letztlich von allen zu stemmen sind, führen Alkohol- und Drogenkonsum viel zu häufig zu Verkehrsunfällen oder Gewalttaten.

Konkret heißt das?

Im Zuständigkeitsgebiet des Polizeipräsidiums waren vergangenes Jahr bei 571 Verkehrsunfällen Alkohol oder Drogen im Spiel. Bei 209 wurden 191 Menschen leicht und 67 schwer verletzt; zwei kamen ums Leben. Auch junge Leute, die vor dem Ausgehen „vorglühen“, sind vielen Risiken ausgesetzt. Aggressive Stimmung, Provokationen und Beleidigungen schlagen immer wieder in tätliche Gewalt um – gerade nach Alkoholkonsum. Betrunkene Frauen sind vermehrt sexuellen Übergriffen ausgeliefert. Plötzlich werden Unbeteiligte zu Opfern. Sucht- und Gewaltprävention ist auch deshalb eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Unterm Strich: Was kann die Öffentlichkeit, die Kommune tun? Sind Alkoholverbote überhaupt durchzusetzen? Und wenn ja: Wo?

Wir Erwachsenen können es unterlassen, Kindern und Jugendlichen Alkohol anzubieten oder andere im benebelten Zustand zu motivieren, weiter zu trinken. Oft passiert das in geselligen Gruppen, nach dem Motto: Einer geht noch. Wir können diejenigen bremsen, die auf andere Druck machen, und diejenigen in der Gruppe bestärken, die nein sagen. Wenn es einen oder eine bereits richtig erwischt hat, können wir die Person auch nach Hause bringen oder deren Freund oder Freundin dazu animieren. Das gilt besonders für Betrunkene, die sich nicht mehr unter Kontrolle haben und andere belästigen oder Streit suchen.

Ist das für den, der helfen will, nicht zu gefährlich?

Hundertprozentige Sicherheit gibt es für Helfer nicht. Es gibt aber Möglichkeiten, einer gefährdeten Person zu helfen, ohne sich selbst in große Gefahr zu begeben. Im Rahmen der Kampagne „Gewalt-Sehen-Helfen“ bietet die Stadt mit der Polizei Bürgerseminare, in denen durch Rollenspielen geübt werden kann, Zivilcourage zu zeigen, ohne sich selbst zu gefährden. Das nächste Bürgerseminar ist übrigens am 15./16. November in der Vhs.

Gut, das ist die reine persönliche Einflussnahme...

Als Stadt bewerben wir in unseren Schulen das Angebot von Workshops zu Sucht und Alkohol, die das Suchthilfezentrum Wildhof dort bietet. Da wird bei den Jugendlichen die Reflexion, das Wissen und der Erwerb von Lebenskompetenzen gefördert. Dank der finanziellen Unterstützung des Fördervereins Sicheres Offenbach entstehen den teilnehmenden Schulen für das Angebot keine Kosten.

Einige Festveranstalter haben sich in den vergangenen beiden Jahren der Stadt gegenüber zu einem besonders verantwortungsvollen Umgang mit dem Ausschank von Alkohol bei Veranstaltungen in Offenbach verpflichtet und dafür das Gütesiegel für Feste erhalten. Gemeinsam mit der Polizei kontrollieren wir die Einhaltung der Jugendschutzbestimmungen besonders in Gaststätten und Spielhallen. Der unerlaubte Ausschank von Alkohol an Jugendliche wird mit Bußgeldern geahndet.

Ist damit wirklich alles getan in Offenbach?

Sicher nicht. Aber nicht das Predigen von Abstinenz, sondern ein öffentliches Bewusstsein, verantwortungsvoll mit Alkohol umzugehen, wird die Risiken durch Alkoholkonsum begrenzen.

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