Die Macht der Bilder

Kommentar zum Auftakt für Tugce-Prozess

Der Prozess um den Tod von Tugce Albayrak begann erwartungsgemäß: Unter riesigem öffentlichen Interesse und mit dem Geständnis des Reue zeigenden Angeklagten, Tugce angegriffen zu haben. Von Matthias Dahmer

Zehn Verhandlungstage hat Richter Jens Aßling angesetzt, 60 Zeugen und zwei Sachverständige sind geladen, um die Jugendkammer des Landgerichts Darmstadt bei der Aufklärung der Tat vom 15. November 2014 zu unterstützen. Rein rechtlich ist der Tod der 22-jährigen Studentin, der Millionen Menschen bewegte, eine Körperverletzung mit Todesfolge gemäß § 227 Strafgesetzbuch; mithin so etwas wie trauriges Tagesgeschäft an Gerichten.

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Doch die rechtliche Einordnung der Tat ist das Eine. Das Andere ist die immense mediale Aufmerksamkeit, die dem Fall von Anfang an zuteil wurde. Angesichts des Leids der Angehörigen von Tugce Albayrak verbieten sich Spekulationen, ob unter anderen Vorzeichen die öffentliche Anteilnahme an einer solchen Straftat ähnlich groß gewesen wäre. Doch es muss mit Blick auf die Urteilsfindung die Frage gestellt werden, wie ein Gericht mit den Emotionen umgeht, die mit Wucht und nicht zuletzt mit der Macht der Bilder vor allem über soziale Netzwerke und die Boulevardpresse verbreitet wurden und werden und so die öffentliche Meinung mitbestimmen.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht hier nicht um vorauseilendes Verständnis für eine Tat und den möglichen Täter. Leider viel zu oft liegen jene richtig, denen das Strafrecht ein zu mildes, ein zu täterorientiertes ist; die kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, dass etwa bei den Rechtsgütern der körperlichen Unversehrtheit und des Eigentums Gerichte mitunter falsch gewichten und der Kinderschänder geringer bestraft wird als der Betrüger. Der Jugendkammer wird ein Spagat abverlangt, der nur schwer zu bewerkstelligen ist: Im Rechtsstaat sollen Richter urteilen, ohne sich von Gefühlen leiten zu lassen. „Emotionale Distanz ist ein Lernziel der deutschen Juristenausbildung“, schreibt der Berliner Rechtsprofessor Volker Boehme-Neßler, der den ähnlich medienwirksamen Prozess gegen den U-Bahn-Schläger Torben P. begleitet hat. In einem Strafverfahren darf zudem wenig bis gar kein Platz sein für Rache und Vergeltung.

Bilder zum Tugce-Prozess in Darmstadt

Bilder zum Tugce-Prozess in Darmstadt

Doch geht das überhaupt? Können sich die Darmstädter Richter gefühlsmäßig dem entziehen, was der brutale Schlag auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in der Öffentlichkeit auslöste? Können sie die Anteilnahme für Tugce ausblenden, die sich vor dem Offenbacher Klinikum, später bei ihrer Beerdigung in Bad Soden-Salmünster und gestern beim Prozessauftakt zeigte? Es ist zu hoffen, dass ihnen das gelingt. Der Rechtsstaat wäre deshalb kein unmenschlicher.

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