Sanel M. muss für drei Jahre ins Gefängnis

Kommentar zum Fall und Urteil um Tugce Albayrak

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Mit voller Wucht wurde es gestern bei der Urteilsverkündung im Tugce-Verfahren deutlich: Es ist ein Verbrechen, das noch immer Millionen aufwühlt. Von Peter Schulte-Holtey

Verwunderlich ist es nicht. Es ist ja ein Fall, der viel Hollywood-Stoff enthält: Eine hübsche junge Studentin hilft Mädchen, die sich belästigt fühlen, und stirbt nach einem Schlag durch einen bereits einschlägig vorbestraften 18-Jährigen. Es folgte ein Prozess, der vor allem durch zwei Phänomene noch lange in Erinnerung bleiben wird:

1. Er wurde befeuert durch reißerische Medienberichte, die oftmals ein einseitiges Schwarz-Weiß-Bild vorgaben - vom schlimmen Täter und vom edlen Opfer der Zivilcourage.

2. Das Verfahren stand zudem im Schatten eines unglaublichen Trubels: Eine Woge von teilnahmsvollen und hasserfüllten Kommentaren schwappte durch die Internet-Netzwerke; in Offenbach wurden Überlegungen angestellt, eine Brücke nach Tugce zu benennen; eine Petition, ihr posthum das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, wurde inzwischen von mehr als 300.000 Menschen unterzeichnet; Bundespräsident Joachim Gauck schrieb einen Beileidsbrief an die Familie; in örtlichen Fußballligen wurde zu Schweigeminuten aufgerufen und, und, und … Der Offenbacher Psychologe Werner Gross erklärte es so: „Die öffentliche Trauer zeigt den starken Wunsch nach einer Heldin.“

Die Bedingungen für die Aufklärung waren also sicherlich nicht einfach. Der Vorsitzende Richter Jens Aßling befragte die Zeugen bohrend. Sie widersprachen sich je nach Lager. Einige offenbarten große Erinnerungslücken. Schnell wurden die vielen unterschiedlichen Facetten in dem Fall sichtbar. Die Geschichte bekam Risse, die aber den Weg zur Wahrheitsfindung ebneten.

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Bei der Gesamtbetrachtung werden die Verdienste des Gerichts sichtbar. Es musste zwischen dem tatsächlichen Geschehen und den vielfältigen gesellschaftlichen Erwartungen beziehungsweise dem von Klischees geprägtem Täter-Bild unterscheiden. Dies ist dem erfahrenen Richter gut gelungen – mit seiner Beharrlichkeit, seiner stringenten Verhandlungsführung. Die vielen Emotionen wurden aus dem Gerichtssaal weitgehend herausgehalten. Oberstaatsanwalt Alexander Homm sagte zum Schluss etwas Wichtiges: „Das Gericht hat nicht den Sockel des Opfers zerstört – es hat sich selbst nicht darauf gestellt. Das einseitige Bild vom wilden Schläger lässt sich nicht aufrechterhalten, aber das macht die Tat nicht besser.“ Anders gesagt: Sanel M. ist kein Monster, aber Täter. Er hatte keinen Grund, die junge Frau zu schlagen, und zwar ungeachtet allem, was sie zuvor quer über den Parkplatz am Kaiserlei gerufen haben könnte.

Bilder zum Tugce-Prozess in Darmstadt

Es ist ein angemessenes Urteil verkündet worden - von einem Gericht, das viel Licht ins Dunkel einer traurigen Geschichte brachte. Es ist aber noch viel mehr passiert. Denn erneut wurde spürbar, was in unserer Gesellschaft bewegt wurde. Tugce verkörpert, unabhängig von der juristischen Bewertung des konkreten Falls, so viel, wonach sich gerade Heranwachsende sehnen: Mut, Zivilcourage, Selbstlosigkeit. Tugce bleibt damit ein großes Vorbild. Und es bleibt ihr Verdienst, dass wieder an selbstlose Menschen erinnert wird, die ihr Eintreten für andere im öffentlichen Raum mit dem Leben bezahlen mussten - ob in Berlin, München oder anderswo.

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