Zwischen Angst und Realität

Kommentar: Gewalt nimmt zu

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Michael Eschenauer

519 und 554 – die Welt der Polizeistatistiker könnte so schön sein, gäbe es diese Zahlen nicht. Sie stehen für die Fälle von Angriffen auf Polizeibeamte und Rettungskräfte und die gefährlichen Körperverletzungen im öffentlichen Raum im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Südosthessen.

Gemessen an den insgesamt mehr als 45.000 in jenem Polizeipräsidium registrierten Straftaten scheinen sie kaum ins Gewicht zu fallen. Doch ihre emotionale Wirkung ist extrem. Speziell die Gewaltdelikte auf Straßen, Wegen und Plätzen prägen die Debatten.

Jeder, der von einem Fall hört, identifiziert sich mit dem Opfer. Die Sache macht die Runde, befeuert von Medien und sozialen Netzwerken. Da kann die Kriminalität insgesamt auf breiter Front von Jahr für Jahr sinken – die Angst ist bei vielen allgegenwärtig. Das bizarre Ausmaß des Krimi-Konsums im Lande tut ein Übriges. 30 Prozent der Deutschen haben Angst, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden.

Das Phänomen Gewalt ist im öffentlichen Diskurs wie feuchter Lehm in den Händen des Töpfers: Jeder kann es formen, genau so, wie es ihm nutzt. Relativiert man Kriminalität, sieht man sich schnell dem Vorwurf des Zynismus gegenüber. Natürlich gilt: Jedes Opfer ist eines zu viel. Trotzdem: Um richtig reagieren zu können, muss man klaren Kopf bewahren, muss sehen, was ist.

Dazu gehört, dass Gewalttaten drei Prozent der Kriminalität in Deutschland ausmachen, und das Risiko des Einzelnen, mit ihr konfrontiert zu werden, sehr gering ist. Verglichen mit früheren Jahren ist die Bereitschaft, Delikte anzuzeigen, stark gestiegen, was die Zahlen weiter wachsen lässt. Zudem haben meist die Falschen Angst, nämlich Frauen und ältere Menschen. Die typischen Opfer von Gewalt sind aber junge Männer. Die fürchten sich aber am wenigsten.

Polizeischau 2018 in Hanau: Bilder

Deutschland steht laut Friedensindex des Instituts für Economics and Peace auf der Hitliste der sichersten Länder weltweit auf Platz 15 von 163. Doch genau in diesem extrem geschützten Umfeld wirken eine Personengruppe, die einem abends entgegenkommt und keinen Platz macht oder lärmende Jugendliche in der Unterführung umso verheerender.

Kein Schönreden. Die Kriminalität ist da. Wir müssen uns um sie kümmern, dürfen aber nicht das Augenmaß verlieren bei dem, was wir zu ihrer Eindämmung fordern. Härtere Strafen gehören eher nicht dazu. Niemand schaut ins Strafgesetzbuch, bevor er zuschlägt. Es sind mal wieder die langweiligen Dinge: Prävention, gute Polizei, bessere Bildung, Lebensqualität, Städtebau...

Von Michael Eschenauer

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