Kappenfahrt am Fastnachtsdienstag

Der Zug kommt nicht mehr...

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Farbenfroh präsentieren sich die Fußgruppen bei der Kappenfahrt.

Offenbach - Der Zug kommt nicht mehr am Fastnachtsdienstag. Das überlegt die Ranzengarde für 2014. Alternative: Der närrische Lindwurm startet sonntags durch Bürgel. Grund ist eine über die Jahre stetig sinkende Teilnehmerzahl. Von Martin Kuhn

Der kleine Hinweis ist auf der Homepage der Bürgeler Ranzengarde dezent versteckt. „12. Februar 2013. Kappenfahrt durch die Straßen Burgillas. Zum letzten Mal am Fastnachtsdienstag. Bricht etwa die östliche Bastion des Frohsinns mit einem tief verwurzelten Stück Lokalgeschichte? Schließlich gehört die Bürgeler Kappenfahrt zum Fastnachtdienstag wie der Berjeler Riwwelkuche zum Kaffee. Die Gardisten haben sicher lange intern gerungen. Wolfgang Zühlke zeigt sich bei der Antwort nicht ganz so fröhlich und spontan wie bei der Leitung einer Galasitzung. „Für die Tradition kann man sich nichts kaufen“, klagt er.

Und diesen speziellen Bürgeler Dienstag zu wahren, fällt wohl immer schwerer. Der Weckruf um sechs Uhr morgens, der Sturm auf die Uhlandschule, die Befreiung der Schüler – alles Geschichte. Dabei haben die Gründungsväter der Ranzengarde seinerzeit einiges auf sich genommen, um bereits 1905 den ersten Umzug zu organisieren. Die hohe Geistlichkeit, so ist in der Vereinschronik nachzulesen, ersuchte den damaligen Bürgermeister Caspar Lammert um ein Verbot.

Nur drei Musikzüge

„Der genehmigte allerdings unter Vorbehalt den Umzug, und damit war die Kappenfahrt ins Leben gerufen. Auch in den folgenden Jahren machte Pfarrer Gottfried Schaider immer wieder darauf aufmerksam, dass dieser unsittliche Umzug seitens der Kirche auf das Schärfste verurteilt werde.“

Heute sprechen eher weltliche Dinge gegen den Lindwurm, der über Jahrzehnte am Tag vor Aschermittwoch für das Ende der Fastnacht stand. „Für dieses Jahr haben wir bislang nur drei Musikzüge“, bedauert Zühlke. Dabei beleben gerade diese einen Zug, der in Bürgels verwinkelten Gassen schon immer ohne große Motivwagen auskommt und stattdessen auf bunte, ideenreiche Fußgruppen setzt.

Ein Hoffen auf Reaktionen

Der Sitzungspräsident holt etwas aus: „Wir mussten in den letzten Jahren vermehrt feststellen, dass immer mehr Aktive von anderen Fastnachts- und Karnevalvereinen keine Möglichkeiten mehr haben, bei unserem Zug mitzuwirken.“ Die Gründe dafür seien vielfältig. So sei der Fastnachtdienstag in vielen Gegenden mittlerweile ein normaler Arbeitstag, „an dem es früher einen halben Tag frei gab. Das macht sich besonders bei Spielmannszügen bemerkbar, die teilweise lange Anfahrtswege in Kauf nehmen.“

Jetzt hofft die Ranzengarde auf Reaktionen aller Offenbacher (Karnevalisten). „Wir sind zugänglich für alle Argumente“, erhofft sich Wolfgang Zühlke ernst gemeinte Aussagen und verspricht: „Wir nehmen des Volkes Meinung ernst.“ Ob sich dahinter der Schalk verbirgt, der damit auf aktuelle lokalpolitische Gegebenheiten abzielt, ist nicht herauszuhören.

Die Kappenfahrt 2012

Kappenfahrt durch Bürgel

Sehr wohl findet der Sitzungspräsident zum Humor zurück, als die Redaktion vorschlägt, im Sinne der generellen Sparvorgaben des Regierungspräsidenten den Bürgeler und Bieberer Umzug zu fusionieren. „Erst, wenn die Stadt eine Straßenbahn vom Dalles an den Ostendplatz baut“, diktiert er verschmitzt in den Block.

Klar, mit solchen Geschäften kennen sich die Bürgeler bestens aus. 1906 hatte die selbstständige Gemeinde einen Vertrag mit Offenbach geschlossen, dass die Eingemeindung Bürgels nach Offenbach „an dem auf die Betriebseröffnung der elektrischen Bahn folgenden 1. April“ vollzogen werden soll. Die Bahn nahm am 20. Oktober 1907 ihren Betrieb auf...

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