Beteiligung an der Kommunalwahl

Offenbach und Ottrau - Wähler aus zwei hessischen Welten

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Bei den Kommunalwahlen vor fünf Jahren hat nicht einmal jeder zweite Hesse von seinem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Dabei war die Beteiligung in den Kommunen sehr unterschiedlich. Spitzenreiter war das nordhessische Dorf Ottrau (rechts) mit mehr als 80 Prozent. Schlusslicht die Stadt Offenbach, wo gerade einmal jeder Dritte seine Stimme abgab.

Offenbach/Ottrau - Nicht einmal jeder zweite Hesse hat bei der letzten Kommunalwahl seine Kreuzchen gesetzt. Am niedrigsten war die Beteiligung in Offenbach, am höchsten im nordhessische Ottrau. Warum?

Mihas Dimitrios winkt ab: "Ich habe keine Zeit für die Wahl", sagt der griechischstämmige Kiosk-Besitzer im Offenbacher Mathildenviertel. "Ich arbeite sieben Tage in der Woche sehr hart", lautet seine Begründung. "Das mach' ich nicht", antwortet eine 45 Jahre alte selbstständige Reinigungskraft auf die Frage, ob sie am 6. März ihre Stimme abgibt. Warum nicht? "Ich bin noch nicht so lange hier." Vor fünf Jahren sei sie aus Polen in die Lederstadt am Main gezogen. Ihren Namen will die Frau genauso wenig nennen wie eine 22 Jahre alte Mutter: "Ich geh nicht zur Wahl, ich hab ganz andere Sachen im Kopf: Meine Tochter ist krank." "Man muss wählen gehen. Ich habe das so gelernt", sagt dagegen Melina Geisel, die in der Metzgerei Pietsch im nordhessischen Örtchen Ottrau arbeitet. "Natürlich gehe ich jetzt auch wieder." Patrick Frank, Lektor der evangelischen Kirchengemeinde, treibt ein Thema besonders um: Das 2300-Einwohner-Dorf im Schwalm-Eder-Kreis will sich an einem Windrad beteiligen. "Ich bin nicht gegen Windkraft, aber der Standort ist nicht der richtige." Deshalb werde auch er wählen gehen.

Nirgendwo in Hessen war die Beteiligung an der letzten Kommunalwahl vor fünf Jahren so hoch wie in Ottrau und nirgendwo so niedrig wie in Offenbach. Gerade einmal jeder dritte Wahlberechtigte gab in der fünftgrößten hessischen Stadt seine Stimme ab. Das waren deutlich weniger als im Landesdurchschnitt mit 47,7 Prozent. Schlusslicht war der Bezirk Mathildenschule mit einer Beteiligung von 12,7 Prozent. In Ottrau dagegen ging nur jeder sechste der knapp 2000 Wahlberechtigten nicht zur Stimmabgabe - rund 84 Prozent machten ihre Kreuzchen. "Die Wahlbeteiligung war schon immer hoch", sagt Ottraus Bürgermeister Norbert Miltz (parteilos). 2011 seien aber besonders viele Menschen zur Wahl gegangen, weil die Kommunalwahl mit der Wahl des Bürgermeisters zusammen fiel. Aber: "70 Prozent haben wir immer." Als Grund nennt Miltz vor allem die Nähe zu den Ottrauern. "Die Verzahnung ist sehr eng. Wenn was ist, wird beim Bürgermeister angerufen. Jeder kennt jeden." So rufen schon mal Bürger an, weil sie die neue LED-Straßenbeleuchtung zu hell finden.

So gut wie keine Migranten

Die Hauptstraßen in Ottrau sind neu asphaltiert und gesäumt von Einfamilienhäusern; Fachwerkhäuser sind fein herausgeputzt. Bis zur Zuweisung von rund 50 Flüchtlingen gab es in Ottrau so gut wie keine Migranten. "Wir haben ein paar Rumänen und Russlanddeutsche, aber die leben schon seit Jahrzehnten hier", sagt Miltz. Das ehrenamtliche Engagement sei hoch. Viele machen bei der Feuerwehr mit, es gibt Sportvereine und Fördervereine für die Schule, das Freibad und für Flüchtlinge. "Die Menschen nehmen Anteil am Schicksal der Personen." Im Offenbacher Mathildenviertel leben nach Angaben der Stadt knapp 8000 Menschen. Wahlberechtigt sind aber nur rund 750, denn der Ausländeranteil ist hoch. Mehr als jeder zweite Bewohner des Quartiers hat keinen deutschen Pass. Die meisten von ihnen kommen aus Bulgarien, Rumänien und der Türkei. Von den Deutschen hat etwa die Hälfte Wurzeln im Ausland.

Zuwandererfamilien und Studenten der Hochschule für Gestaltung prägen den Stadtteil, in dem sich sowohl Wohnhochhäuser als auch alte Arbeiterhäuser finden. "Das Mathildenviertel ist auch einer der kreativen Hotspots der Stadt", sagt Stadtsprecher Fabian El Cheikh. Von den knapp 8000 Einwohnern des Wahlbezirks sind etwa 2400 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. "Viel Wechsel gab es hier schon immer", sagt Elvira Reichert, die seit 50 Jahren in dem Viertel lebt und in ihrer ehemaligen Spenglerei den Second-Hand-Laden für Kindermode "Bi-Ba-Bu" betreibt. "Erst kamen die Italiener, dann die Jugoslawier, dann die Türken und zuletzt die Bulgaren und Rumänen." Die 73 Jahre alte Mutter und Großmutter mag ihren Stadtteil: "Ich rede mit allen hier." Schon vor vielen Jahren habe sie zudem die "Bürgerinitiative der östlichen Innenstadt" mitbegründet. Alle vier Wochen bietet diese im Gründerzentrum "Ostpol" einen kulturellen Auftritt und sie pflanzt Blumen in öffentliche Beete.

Von Durchgefallen bis Gut: Noten für Wahlplakate

In Ottrau betreibt Adolf Krey bereits seit fast 60 Jahren einen Lebensmittelladen - mittlerweile ist es der einzige. Ein langer Gang, Konserven und Waschmittel, ein paar Brötchen, die Zeitungen auf dem Tresen - das Geschäft sieht aus, als wäre es aus der Zeit gefallen. "Es lohnt sich nicht mehr, aber die Rente ist zu klein", sagt er. Sein Sohn, der das Geschäft eigentlich leitet, geht an zwei Tagen in der Woche woanders arbeiten, um Geld zu verdienen. Dann sitzt der 80-Jährige an der Kasse. Warum wählt er? "Man tut seine Pflicht", sagt Krey. Seine Kunden duzt er, sie bezahlen die Zeitung auch schon mal für die nächsten Tage und kommen sie dann nur noch abholen. Gegenüber steht ein Backhaus. Erst kürzlich gab es Streit darum, vor welchem der beiden Geschäfte ein Halteverbot eingerichtet werden soll, damit Traktoren die Engstelle der Straße durchfahren können. Sowas beschäftige die Menschen, weil es sie unmittelbar betreffe, sagt Bürgermeister Miltz.

Die Offenbacherin Reichert macht auch selbstverständlich von ihrem Wahlrecht Gebrauch. "Wenn ich nicht hingehe, kann ich nicht meckern", sagt sie. Rentner Edmund Bensch geht ebenfalls wählen. Warum er damit in seinem Viertel in der Minderheit ist? "Viele sind vermutlich enttäuscht und versprechen sich davon nicht mehr viel", glaubt er. Möglicherweise gelte dies insbesondere für die Hartz-IV-Empfänger, von denen es einige im Viertel gebe. "Was soll sich für sie verbessern?" Reichert glaubt: Kommunalpolitik sage auch vielen Zuwanderern wenig, die das Wahlrecht haben. Dazu komme das komplizierte Kumulieren und Pansicheren." Das sieht Malela LaGrace anders: "Ich versteh das", sagt der Mann, der vor 24 Jahren aus dem Kongo nach Deutschland kam - und breitet einen großen Muster-Stimmzettel aus. Zwischen Haarschmuck, Getränken, Filmen und Musik kündigt der Offenbacher Ladenbesitzer mit Blick auf den Wahlsonntag an: "Ich komme!"

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dpa

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