Bei Listenkreuzen sacken CDU und Grüne dramatisch ab

Zwei große Verlierer, Zweierbündnis ausgeschlossen

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Hessens Sozialminister und Offenbachs CDU-Vorsitzender Stefan Grüttner wirkte am Wahlabend eher nachdenklich – auch wenn er betonte, dass seine Partei vermutlich wieder stärkste geworden sei.

Offenbach - Die immer noch möglichen Schwankungen durch das Häufeln von Stimmen und das Streichen von Kandidaten sind im Blick, doch lässt die sonntägliche Auszählung der Listenkreuze erste Bewertungen zu: Wer ist Gewinner, wer ist Verlierer der Wahl, wer kann unter welchen Umständen mit wem ein mehrheitsfähiges Bündnis eingehen? Von Thomas Kirstein 

Die Etablierten setzen noch Hoffnungen aufs Wahlverhalten: Wenn die ohne ernsthaftes Kommunalprogramm und ohne bekannte Namen angetretene AfD weniger von Personenstimmen profitiert, könnten sich ihre 10,3 Prozent noch nach unten korrigieren. An einem Fakt wird das nichts ändern: Eine Mischung aus Fremdenfeindlichkeit und Denkzettelwahl ist auch in Offenbach der Zugewinn-Meister. Das geht zu Lasten der bisherigen rechten Gesinnungsträger; das neue Angebot AfD ist der Untergang der Republikaner, die kaum mehr einen Sitz bekommen werden. Gerupft sind die drei großen Parteien der Stadt, besonders die schwarz-grünen Hessen-Partner mit je einem Landesminister im Aufgebot. Nach gegenwärtigem Stand verlieren die Grünen satt: 7,7 Prozent und zehn von 16 Sitzen weniger dürften sich dem Wegfall des Fukushima-Effekts von 2011 ebenso verdanken wie der Enttäuschung über den Mit-Offenbacher Tarek Al-Wazir, der als Wirtschaftsminister von früheren Flughafenpositionen abgerückt scheint.

Die CDU des Kabinettskollegen Stefan Grüttner musste ebenfalls kräftig Federn lassen, minus 6,9 Prozent bedeuten den Verlust von fünf Sitzen (jetzt 17). Das dürfte jedoch weniger mit Grüttners Funktion als oberstem hessischen Flüchtlings-Koordinator denn mit Unzufriedenheit über seine Parteifreundin Angela Merkel zu tun haben. Inwieweit originär kommunale Motivation Entscheidungen bewirkte, wird sich kaum ermitteln lassen. Im Gegensatz zum Einfluss der Attraktivität des Spitzenpersonals: Dazu wird die Auszählung der Personenstimmen Hinweise geben. Obwohl CDU-Chef Grüttner bereits Ansprüche einer weiterhin stärksten Fraktion angemeldet hat, kann diese Rangfolge noch von den Kumulierern und Panaschierern beeinflusst werden.

Verliererin ist auch die SPD. Die Genossen sind indes mit 2,7 Prozent weniger (17 statt 19 Sitze) vergleichsweise glimpflich davongekommen. Auffallend: Die AfD räumt dort am stärksten ab, wo SPD-Spitzenfrau Gertrud Marx daheim ist, in Tempelsee. Unumstrittene Gewinner unter den bereits im Stadtparlament vertretenen Parteien sind Linke und Freidemokraten. Die einen, bisher nicht als Koalitionspartner erwogen, legen 3,5 Prozent zu (macht sechs statt vier Sitze), die anderen, 2011 aus dem Bündnis gedrängt und ziemlich abgeschrieben, gar um 4,5 Prozent. Mit nunmehr sieben Sitzen (vorher drei) könnte die FDP wieder beim Schmieden von Mehrheiten gefragt sein.

In der Frage künftiger Bündnisse ist momentan unstrittig, dass die bisherige Konstellation ausgedient hat. SPD, Grüne und Freie Wähler (diese wie bisher mit zwei Sitzen) stellen nach bisherigem Stand der Auszählung 29 Stadtverordnete – das langt in der 71-köpfigen Versammlung nicht für eine entscheidungsfähige Majorität. Die FW kurzerhand wieder durch die FDP zu ersetzen, reicht nach den derzeitigen Verhältnissen ebenfalls nicht aus. Über eine Hinwendung zu den bisher gemiedenen Linken braucht wegen der unzureichenden Stimmenzahl niemand zu spekulieren.

Leserbilder: Die schönsten Plätze in Offenbach (Teil 2)

Ein Viererbündnis scheint niemandem wirklich zweckmäßig – zumal FW und Liberale als natürliche Konkurrenten gelten. Ausgeschlossen ist es aber nie. Vielleicht aber gibt es Gespräche mit dem gestärkten Neuen Forum Offenbach (FNO) als zweites Zünglein an der Waage; die von Migranten dominierte Vereinigung ist jetzt mit drei Sitzen vertreten. In der Hoffnung, trotz herber Verluste erneut stärkste Fraktion zu werden, betont die CDU ihren Anspruch, künftige Verhandlungen anzuführen. Schwarz-Grün nach Landesvorbild hat sich arithmetisch erledigt. Ebenso ist eine große Koalition mit nur 34 Mandaten derzeit keine Option. Ein Dritter im Bunde mit mindestens drei Abgeordneten müsste her: Als Juniorpartner ohne momentan erkennbare personelle Ambitionen wäre das nur das FNO.

Denn egal ob FDP oder Grüne Schwarz-Rot ergänzen sollten, sie würden Ansprüche auf ein bezahltes Amt geltend machen. In einem zum Quartett erweiterten Profi-Magistrat müsste sich die CDU mit nur einem Dezernenten oder die SPD mit nur ihrem direkt gewählten Oberbürgermeister begnügen. Das zu verhandeln wäre eine Herausforderung.

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