Schlosskirche läutet gegen Krieg

„Ich rannte um mein Leben“

Leser Konrad L. Klauhsner fotografierte vom Dach des Hauses Waldstraße 11 die zerbombte Innenstadt.

Offenbach - Viele empfinden die Innenstadt als zerschnitten durch die Berliner Straße. Aber erst der S-Bahn-Bau vor gut 20 Jahren ermöglichte einen behutsamen Rückbau der ehemals vierspurigen Autoschneise nebst zahlreichen Parkplätzen.

Was Stadtplaner in den 60er Jahren als großen Wurf (heute würde mancher eher Wahn sagen) erachteten, war nicht mehr als das Bestreben, die letzten großen Kriegsschäden zu beseitigen. Die Offenbacher Regesten, Datensammlung zur lokalen Geschichte, bleiben bei den Fakten: Am frühen Abend des 20. Dezember 1943 erfolgt ein schwerer Angriff auf Frankfurt. Durch den Einsatz einer Scheinanlage bei Heusenstamm zur Irreführung der Piloten und durch ungünstige Windverhältnisse verlagert sich der Angriffsschwerpunkt nach Offenbach. 78 Menschen sterben. Nahezu die gesamte Altstadt rund um den Marktplatz wird zerbombt. Erst am Morgen danach ist das Ausmaß der Zerstörung sichtbar.

Mit dem Läuten der Totenglocke am heutigen Freitag um 19.28 Uhr gedenkt die evangelische Schlosskirchengemeinde des Bombenangriffs. Der damalige Küster Steinmann verlor sein Leben, als er versuchte, das Archiv aus dem brennenden Turm zu retten. Die Ruine des alten Schlosskirchenturms ist das letzte verbliebene Mahnmal in Offenbach aus dieser Zeit. Das Geläut „setzt ein Zeichen gegen die anhaltenden Kriege in Syrien und an so vielen Orten in der Welt und ruft die Nachbarschaft zu einer Schweigeminute und zum stillen Gebet auf“, so Pfarrerin Patrizia Pascalis.

Unser Leser Konrad L. Klauhsner erinnert sich 70 Jahre nach dem Angriff:

„Vier Tage vor Weihnachten vor 70 Jahren. Ich war 15 Jahre alt und Zeitzeuge. Meine Familie wohnte an der Waldstraße 11. Beide Fotos machte ich am Folgetag vom zerstörten Dach des Hauses Waldstraße 11. Es zeigt oben den Anfang der Waldstraße mit Blick auf den alten Markt, unten mit Blick auf den Beginn der Geleitsstraße. Mein Vater war im Krieg, aus dem er nicht zurückkehren sollte. Bei Luftalarm brachte ich meine Mutter mit meiner kleinen Schwester in den Luftschutzbunker Groß-Hasenbach-Straße/Ecke Bismarckstraße. Viele Frauen mit Kindern und ältere Leute flüchteten bei Alarm eng zusammengedrängt in die Bunker. Ich ging immer zurück in den Luftschutzkeller unseres Hauses, wenn ich nicht zur Nachtfeuerwache im Lehrbetrieb oder als Melder im Schnellkommando beim 1. Polizeirevier am Wilhelmsplatz eingeteilt war. Für diesen Wachdienst gab es immerhin 500 Gramm-Brot- und 100-Gramm-Fleischmarke.

Mein Bruder war als Neunjähriger mit der Schulklasse nach Oberhessen evakuiert. Wenn im Lehrbetrieb alles in Ordnung war, rannte ich immer nach Entwarnung von der Friedensstraße nach Hause. Auch bei diesem schweren Angriff am 20. Dezember rannte ich die Waldstraße runter um mein Leben. Links und rechts stürzten die Fassaden auf die Straße, inmitten ein großer Bombentrichter, mit Wasser gefüllt. Zu Hause war die Wohnung zerstört. In der Nähe waren Menschen verschüttet, dort musste freigeschaufelt werden, um an die Kelleröffnungen heranzukommen. Der Keller war voll Wasser gelaufen, und die Leute waren am Ertrinken. Ich half mit, die Leute herauszuziehen, und rettete ein kleines Mädchen mit Schaum vorm Mund. Nach Wiederbelebungsversuchen, die ich bei der DLRG gelernt hatte, kam das Kind zu Bewusstsein. Später wurde sie vom Krankenwagen abgeholt. Da die Wohnung zerstört war, wurden wir in ein Einfamilienhaus an der Blücherstraße evakuiert. 43/44 gab es viele Angriffe auf Offenbach. Bei einer Feuerwache in meiner Lehrfirma rettete ich diese vor den Flammen und lag Stunden auf dem Teerdach, um die brennenden Balken abzuschlagen. So war ich oft im Einsatz beim Löschen von Dachstühlen. Die Solidarität der Menschen war groß. Man konnte nur die Frauen bewundern, die mit der Feuerpatsche ihr Hab und Gut retten wollten. Trotz Chaos war alles gut organisiert. Nach einem Angriffstag kam oft der Hilfszug Fuchs mit Gulaschkanone auf den Wilhelmsplatz, es gab belegte Brote und heiße Erbsensuppe.

1944 warfen die Flugzeuge nicht nur Spreng- und Stabbrandbomben ab, sondern auch Luftminen und Stabbrandbomben mit Sprengsatz sowie Phosphorbomben. Die Keller wurden mit Baumstämmen abgestützt. In unserer neuen Unterkunft ging die Eigentümerin in den Bunker der Friedensstraße. Sie sah es gern, wenn ich bei Fliegeralarm als Feuerwache im Keller blieb. Es war ein segensreicher Umstand für die Bevölkerung, dass Offenbach viele Luftschutzbunker hatte, sonst wären die Zahl an Opfern weit größer gewesen. Einmal fiel eine Luftmine Ecke Blücherstraße/Feldstraße. Das Licht ging aus, das Häuschen schwankte und die Stützbalken mit. Ich lag auf dem Boden und schrie nach meiner Mutter, die Gott sei Dank im Bunker war. Plötzlich wurde es hell im Keller, eine Stabbrandbombe steckte vor dem Kellerfenster und brannte ab. Als ich nach Entwarnung den Keller verließ, brannte im Garten eine Phosphorbombe.

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So verbrachten wir die Kriegsnächte in Angst und Schrecken. Einmal tönten die Sirenen nicht. Wir hörten die Flugzeuge brummen, die tief flogen. Wir stürzten im Nachthemd in den Keller. Das war die Nacht, in der Hanau dem Erdboden gleich gemacht wurde. Auf der Südseite von Offenbach waren Flak und Scheinwerfer postiert, so dass es oft Granatsplitter in Fingergröße regnete, wenn die Flugzeuge beschossen wurden. Ein Flugzeug wurde abgeschossen. Ich sah die Leiche eines englischen Piloten am Friedrichsring auf der Straße liegen. Der Anblick war grausam.“

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