Konsequente Schlichtheit

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Roland Behling hielt ein flammendes Plädoyer - allerdings nicht für den Baustoff Beton.

Offenbach - Über den ästhetischen Wert des Rathauses lässt sich streiten. Bei seinem Bau vor 40 Jahren galt das Verwaltungsgebäude zeitgemäß und modern. „Das Rathaus war ein architektonisches Ausrufezeichen“, sagte Oberbürgermeister Horst Schneider bei der Feierstunde zum Richtfestjubiläum. Von Denis Düttmann

Die konsequente Schlichtheit mache das Hochhaus zu einer Ikone der 1960er Jahre. „Damals galt unbehandelter Beton als gestalterisches Stilmittel“, so Schneider. „Das nackte Material stand für Ehrlichkeit und Geradlinigkeit.“

Der ehemalige Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel warf einen Blick zurück. Erstmals erwähnt wurde ein Verwaltungssitz des Fleckens Offenbach 1614, jedoch ohne genau Ortsangabe. Heimathistoriker vermuten, dass es sich in der heutigen Sandgasse befunden haben könnte. In Dokumenten aus dem Jahr 1725 ist dann bereits von einem Rathaus am Markt zu lesen. Mit der Zeit rückte der Sitz des Bürgermeisters näher an die heutige Wirkungsstätte der Kommunalbeamten heran: 1848 wurde ein Haus an der Frankfurter Straße gekauft. Die Ausstattung damals: Drei Tische, einige Stühle und eine verschließbare Holzkiste.

1956 fällten die Stadtverordneten schließlich den Entschluss, ein neues Rathaus zu bauen. Man wollte sich jung und modern geben, ein Haus bauen, das das Lebensgefühl der Zeit widerspiegelte. Die Parlamentarier reisten nach Ludwigshafen, um sich vom Verwaltungsgebäude der BASF inspirieren zu lassen, in den Sitzungen wurde debattiert, ob nicht ein Glockenspiel im Foyer dem neuen Rathaus gut zu Gesicht stünde. Die demokratische Gewaltenteilung sollte sich auch baulich abzeichnen: So galt es, Exekutive und Legislative räumlich getrennt voneinander unterzubringen. In dem Wettbewerb, an den 84 Architekturbüros teilnahmen, setzten sich schließlich Maier, Graf und Speidel aus Stuttgart durch. Der Entwurf eines rechteckigen Breitfußes mit einem dreieckigen aufgesetzten Hochhausteil überzeugte die Auswahlkommission. Doch schon damals musste gespart werden. Von den zunächst vorgesehenen 36 Millionen Mark standen bei Baubeginn nur noch 22 Millionen zur Verfügung und so musste die avisierte Fläche um gut die Hälfte reduziert werden. Seit das Rathaus 1971 in Betrieb genommen wurde, gelte dort das Gleiche, was bereits in den Grundstein des Vorgängergebäudes am Markt gemeißelt war, sagte Ruppel: „Gott gebe Glück dazu, so kann man hier in Fried' und Ruh' auf das gemeine Beste schauen.“

Auf künstlerische Weise hat sich Josef Held mit dem Offenbacher Rathaus auseinander gesetzt. Bei seiner Performance „Beton-ungen“ projizierte er Bilder von anonymen Betonlandschaften an die Wand, zwei Tänzerinnen bewegten sich anmutig zwischen den klobigen Säulen des Foyers und zwei Schlagzeuger knüpften den dichten Klangteppich des urbanen Lebens.

Von der Treppe hielt Roland Behling ein flammendes Plädoyer für Berlin: „Wenn es dir nicht gäbe, müsste man dir erfinden.“ Doch trotz aller Vorzüge der Hauptstadt, er kann nicht aus seiner Haut: „Mein Herz wohnt noch immer in Offenbach.“

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