Dem Konsul vorgelesen

Offenbach (siw) ‐ Mächtig stolz ist Katja Werner auf „ihre Frauen“. Gerade haben die 20 Türkinnen einen deutschen Text vorgelesen - jede reihum einen Satz. Noch im Sommer sprachen sie nahezu kein oder nur sehr schlecht Deutsch, konnten weder lesen noch schreiben.

Heute aber ist ihr Vortrag auch deswegen bemerkenswert, weil sie sich das vor vielen fremde Besucher trauen: vor Bürgermeisterin Birgit Simon, dem türkische Generalkonsul Ilhan Saygili, dem türkischen Erziehungsattaché Achmed Karamercan sowie einigen Journalisten und Fotografen.

Die Gäste wollen sich vom Fortschritt des Projektes überzeugen, das Katja Werner innerhalb der Aktion „Stärken vor Ort“ initiiert hat. Bund und Europäische Union fördern im Offenbacher Nord-end junge Leute sozial, schulisch sowie beruflich und wollen Migrantinnen beim Wiedereinstieg in den Beruf unterstützen. Unter dem Titel „Kleine Schritte - Große Schritte“ werden Kleinprojekte in freier Trägerschaft mit etwa 3000 Euro finanziert.

Seit August kommen die Frauen im Alter von 20 bis 45 Jahren einmal in der Woche für drei Stunden in der Johannesgemeinde zusammen, um Deutsch zu lernen. Obwohl sie oft schon zehn Jahre in Deutschland leben, mangelte es am Selbstbewusstsein, um einen solchen Kurs zu besuchen. „Sie hatten Schwellenängste und gleichzeitig fühlten sie sich als Versagerinnen, weil sie das Problem nicht angepackt hatten“, erklärt Nunay Öztürk.

Sprachkurs findet im Wohngebiet statt

Die 35-Jährige ist eine der beiden türkischsprachigen Frauen, die mit den Müttern Vokabeln büffeln und über Kulturunterschiede, Ernährungs sowie Erziehungs- und Beziehungsfragen diskutieren. Währenddessen werden die Kleinkinder im Alter bis zu drei Jahren in einem separaten Nebenraum betreut.

Katja Werner, die damals noch als Schulelternbeirätin an der Goetheschule aktiv war, stellte den Müttern ihre Idee vor. „Wir haben die Frauen auf dem Schulhof abgefangen“, erzählt Öztürk. Dass der Sprachkurs im Wohngebiet stattfindet, macht es den Müttern einfacher, dass Angebot anzunehmen. Sobald dass Stadtteilbüro gegenüber der Schule fertig ist, zieht der Kurs um.

Eine Teilnehmerin erzählt, ihr Mann habe ihr Steine in den Weg gelegt: Obwohl er es nicht wollte, hat sie Radfahren gelernt und inzwischen sogar den Führerschein in der Tasche. „Ich habe trotzdem alles gemacht“, sagt sie stolz - und wird beklatscht.

Im neuen Jahr soll es einen Schwimm- und Gymnastikkurs geben

Auch der Generalkonsul würdigt den Kurs und findet deutliche Worte: Alle, die in der Bundesrepublik leben, sollten Deutsch können, die Muttersprache jedoch nicht vernachlässigen. Sprache sei der Schlüssel fürs Zusammenleben. Er plädiert dafür, dass seine Landsleute die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen.

Birgit Simon wünscht sich mehr Aktivistinnen wie Katja Werner: „Sie kam einfach zu mir in die Sprechstunde und sagte, sie will etwas machen.“ Gemacht hat die freiwillig Engagierte schon jede Menge: Im neuen Jahr soll es zusätzlich einen Schwimm- sowie einen Gymnastikkurs geben, außerdem wollen die Frauen Radfahren lernen. Darüber hinaus sagt Werner, dass sie sich etwas einfalle lasse, um den Kurs ohne Unterbrechung im Januar fortsetzen zu können, obwohl die Fördermittel erst ab März bereitstünden: „Notfalls zahle ich das selbst.“ Für sinnvolle Angebote ließe sich Geld auftreiben, signalisierte Simon.

Rubriklistenbild: © pixelio

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