Konzert der Hamburg Blues Band - schlichtweg ein Ereignis

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Beschwörung und Verzauberung: Arthur Brown und Gitarrist Clem Clempson (rechts) sind in der Sandgasse ganz nah am Publikum, Bassist Michael Becker und Schlagzeuger Hans Wallbaum sorgen für Druck und Groove.

Offenbach - Nach einem auf und vor der Bühne der Sandgasse 26 schweißtreibenden Konzert gibt’s auf der Herrentoilette ein hanseatisch-grundehrliches Kompliment. Von Thomas Kirstein

Gert Lange, Sänger, Rhythmusgitarrist und Chef der Hamburg Blues Band, erwidert zwischen Stehschüssel und Lokustür Glückwünsche für einen phänomenalen Abend: „Das lag auch an euch Offenbachern, das war für uns fast ein Heimspiel.“

Dieses Heimspiel dürfte zum Besten und Eindringlichsten zählen, was in der heimeligen Klubatmosphäre des städtischen Kulturzentrums je zu erleben war. Im ersten Durchgang lassen Bluesrockröhre Gert Lange und Kollegen harte, meist aus eigener Feder stammende Nummern krachen, die mit biederem Blues wenig gemein haben.

Neben Tastenmann Adrian Askew, Schlagzeuger Hans Wallbaum und Bassist Michael Becker beweist der wunderbare, im Vergleich mit bekannteren Gitarren-Kollegen zu Unrecht weit unterschätzte David „Clem“ Clempson seine außergewöhnliche Klasse. Seit 2008 ist der besonders mit der Jazzrocklegende Colosseum zu verbindende Brite festes Mitglied der Hamburg Blues Band. Die feiert mit der aktuellen Tour ihr 30. Jubiläum.

Begeisterte Offenbacher

Die Intensität des ersten Sets allein hätte schon für einen überragenden Abend gereicht. Aber Gast-Sänger Arthur Brown sprengt nach der Pause alle Dimensionen der Erwartung. Der fast 70-Jährige ist schlichtweg ein Ereignis. Sein Top-Hit „Fire“ mag ein Oldie sein, er selbst ist ein zeitloses Gesamtkunstwerk.

Im Zusammenspiel mit den Hamburgern läuft er zu Topform auf. Viel Theatralik ist dabei, die große Geste wird zelebriert, der „God of Hellfire“ wirbelt wie ein Derwisch. Der hagere Bärtige mit Platte und den dünnen langen Haaren, ein bisschen der Zauberer Catweazle, zelebriert eine skurille Rock-Messe, nimmt sich bei aller Pose nicht ernst, driftet aber nie in peinlichen Klamauk ab. Das verhindert allein schon sein unwahrscheinliches, erstaunliches Organ, das vom tiefen Grunzen über Oktaven hoch in den Sopran steigen und in wildes Geschrei ausbrechen kann.

Nächster Rock-Termin in der Sandgasse: Thomas Blug, Ausnahmegitarrist aus dem Saarland, kommt am Samstag, 28. April, 21 Uhr, mit seiner Blug-plays-Hendrix-Band nach Offenbach. Dabei sind der Engländer David Readman (Gesang), Reggie Worthy (Bass) und Wolf Simon (Schlagzeug). Nach der erfolgreichen Tour 2011, die ebenfalls dem Werk des Gitarrenerneuerers gewidmet war, will die Band in diesem Jahr mit weiteren Songs von Jimi Hendrix und neuen musikalischen Facetten das Publikum mitreißen. Karten gibt es im Vorverkauf für 15, an der Abendkasse für 18 Euro.

Arthur Brown interpretiert bekannte Klassiker nicht, er erfindet sie neu. Bob Dylans „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ grummelt er zum Start mit verhülltem Gesicht. Richtig schön aggressiv-finster gerät Peter Greens „Green Manalishi“. Musikalischer Höhepunkt ist aber nicht etwa „Fire“, sondern Nina Simones „Dont’t Let Me Be Misunderstood“ in der spanischen Santa-Esmeralda-Variante: Zum Flamenco tanzenden Brown zieht Clem Clempson auf der Fender Stratocaster alle Solo-Register, gefühlvoll, fetzig, variantenreich.

Das alles gestaltet sich nicht abgehoben zur gefällig-staunenden Bewunderung des Publikums. Der freundliche Gert Lange bezieht, sichtlich von Ambiente und Resonanz eingenommen, die begeisterten Offenbacher immer wieder ein. Stimmakrobat Arthur Brown reicht am Bühnerand das Mikrofon zum gefälligen Mitsingen runter, beide nutzen den in der Sandgasse gegebenen direkten Kontakt weidlich aus.

So gestaltet sich das (mit Pause) gut zweieinhalbstündige Konzert als von ehrlicher gegenseitiger Zuneigung getragenes gemeinsames Fest, unterstrichen beim gemeinsamen A-cappella Liebeslied. Das Publikum, eher im fortgeschrittenen Alter, ist hin und weg. Macher Michael Koch, dessen Kontakte die Auftritte von Größen auf der kleinen Offenbacher Klub-Bühne ermöglichen, hat sich und den Besuchern nicht zu viel versprochen.

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