Krabbelnde Tiere reizen und nerven

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Flechtenbärchen: Bei länger anhaltenden Hautreizungen oder starken Beschwerden nach Kontakt mit den Raupenhaaren sollte ein Arzt aufgesucht werden.

Offenbach - Das große Krabbeln: 1998 gedreht, ist der Insektenfilm der Pixar-Animations-Studios immer noch ein netter Spaß. Weniger spaßig finden Offenbacher, was bei ihnen alles mit unangenehmen Folgen kriecht, krabbelt und haart. Von Martin Kuhn

Jüngste Plage aus dem Kerbtierreich nach dem Eichenprozessionsspinner oder Flechtenbärchen trägt den lustigen Namen Buchsbaumzünsler. Die Meldung und Warnung einer Nachrichtenagentur ist für Offenbach nichts Neues.

„Ich denke ernsthaft über eine Alternativbepflanzung nach“, sagt Barbara Sickenberger-Müller, in deren Garten acht verschieden große Bäume und zwei Hecken der Gattung Buxus stehen. Über großen Kummer berichtet sie auf ihrem Blog (www.offenbach-ist-mehr): „Ich hatte mich schon gewundert, dass einer meiner größten Buchsbäume plötzlich unten kleine kahle Stellen hatte.“ Letztlich entdeckte sie den gut getarnten Kahlfresser. „Eklig...“

Bei solchen neueren Plagen unterscheidet der Fachmann zwischen heimischen Arten, die sich (durch Klimaveränderung begünstigt) ausbreiten oder verlorene Lebensräume zurückerobern, und fremdländischen Arten. „Die gelangen durch Globalisierung mit weltweitem Warenaustausch, Fernreisen oder Schaffung neuer Verkehrswege zu uns“, sagt Rolf Weyh, Fachreferent für Naturschutz im Umweltamt.

Eichenprozessionsspinner gefährlich

Zur ersten Kategorie zählt er den Eichenprozessionsspinner. Diese Art sei bis in die 1960er Jahre bis nach Süd- und Mittelhessen verbreitet gewesen, jedoch nie häufig aufgetreten. Seit Anfang der 1980er Jahre haben mehrere Jahrhundertsommer die Rückkehr der Eichenprozessionsspinner begünstigt – ausgehend von stabilen Populationen aus dem Mittelmeerraum. Ungünstig: Die Raupenhaare des Eichenprozessionsspinners können eine akute gesundheitliche Gefährdung für Menschen darstellen. In der Nähe von Kitas, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen wird daher gespritzt und gesaugt – in dichter Schutzkleidung.

Auch das Weißgraue Flechtenbärchen zählt zu dieser Kategorie, mit der Einschränkung, dass diese Art früher nur in den wärmsten Gegenden Deutschlands wie Oberrheintal, Mosel- oder Nahetal vorkam. „Die Ausbreitung in unsere Gegend scheint auch durch Klimaveränderungen und die Anpassung an den neuen Lebensraum Kunstfelsen begünstigt zu werden“, so Weyh.

Kampf gegen den Prozessionsspinner

Kleiner Schädling - große Folgen: Die Eichenprozessionsspinner wurden das erste Mal im Jahr 2006 in der Region gesehen und bekämpft. Der Schädling kann für den Menschen extrem gefährlich werden.

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Wohnhaus als Felsenersatz

Kunstfelsen? Damit meint der Experte das Wohnhaus als Felsenersatz. Mauern und Dächer bieten Flechten und Moosen ähnliche Standortbedingungen wie Gestein, weiß Weyh: „Wenn dann die Chemie stimmt – frischer Putzmörtel und neue Betondachpfannen sind noch so alkalisch, dass sie nicht besiedelt werden –, können sich dort tatsächlich Lebensgemeinschaften wie auf Felsen entwickeln.“

Für Menschen mitunter fatal, beim Flechtenbärchen willkommen: Häuser erwärmen sich stärker als Felsen, so dass sich die Entwicklungszeit der Raupen verkürzt und mehrere Generationen im Jahr heranwachsen können. Schlecht für den Menschen, der ihnen zu nahe kommt: Es juckt, die Haut ist gereizt, in Einzelfällen gibt’s allergische Reaktionen.

Immer wieder rufen Menschen beim Umweltamt an und fragen, wie sie sich vor den haarigen Quälgeistern schützen. „Zunächst Ruhe bewahren, zu Panik besteht kein Anlass“, sagt der Fachreferent. Natürliche Gegenspieler wie Raupenfliegen und Schlupfwespen, räuberische Laufkäfer, Bakterien, parasitäre Pilze und Fadenwürmer bremsen die Vermehrung der Raupen.

Diese Pflanzen essen Tiere

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Anders beim Buchsbaumzünsler, der aus Ostasien mit asiatischen Buchsbaumpflanzen durch den Zierpflanzenhandel eingeschleppt wurde. Weyh: „Mangels natürlicher Feinde befindet er sich aktuell auf dem Ausbreitungszug durch das gesamte gemäßigte Europa.“ Entdeckt der Gartenfreund die gelb- bis dunkelgrünen Raupen, sollten sie umgehend gesammelt und vernichtet werden.

Der Schädling ist jedoch nicht leicht aufzuspüren: Die fünf Zentimeter langen Raupen fressen meist versteckt im Busch. Also sind Pflanzenschutzmittel angesagt. Ob’s hilft? Die hörbar genervte Rumpenheimerin Sickenberger-Müller: „Die zweite Generation Zünsler dieses Jahres ist schon am Start.“

Wenig Mut machen Internetforen: „Insgesamt ist zur Kenntnis zu nehmen, dass bisher nicht eine einzige der lokalen Populationen wieder ausgerottet werden konnte. Die Bekämpfung mit Giften – zumal durch den Hobbygärtner – ist also ein völlig aussichtsloses Unternehmen.“ Weitere Informationen: www.lepiforum.de.

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