Krach unter Kirchendach

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Ein Angebot in der Stadtkirche ist das Café Rapunzel, bei dem in Frühjahr und Sommer Speisen und Getränke zum Selbstkostenpreis aus einem herabgelassenen Korb serviert werden (unser Georg-Archivbild zeigt Hakima El-Mokhtari im Jahr 2011).

Offenbach - Seit 1749 hat die Stadtkirche am heutigen Hugenottenplatz einen eigenen Pfarrer. Demnächst ist hinzuzufügen: gehabt. Von Thomas Kirstein 

Der Synodalvorstand des Evangelischen Dekanats Offenbach – das bald mit Frankfurt zusammengelegt wird – hat im Zuge umfassender Neustrukturierungen beschlossen, diese innerstädtische Seelsorgerstelle zu streichen. Kurz vor Weihnachten standen Dekanin Eva Reiß und ihr Stellvertreter, Pfarrer Ullrich Knödler, der Gemeinde bei einer sehr gut besuchten besonderen Versammlung Rede und Antwort. Folgt man dem Resümee der Kirchenvorstandsvorsitzenden Angelika Sluyter und von Pfarrer Joachim Bundschuh, überzeugte der Auftritt nicht von der Notwendigkeit des drastischen Einschnitts. Es scheint eher, als gäbe es Krach unterm evangelischen Kirchendach.

„Von einigem Bauchgrimmen bei den meisten Gemeindegliedern“ schreibt Pfarrer Bundschuh. Weder Dekanin Reiß noch sein Kollege Knödler hätten befriedigende Antworten auf die gestellten Fragen geben können. Deutlich sei geworden, dass die Argumentationsebene für die Auflösung der Pfarrstelle äußerst dünn sei. Angela Sluyter hatte die Versammlung mit einem Rückblick auf die mehr als 260-jährige Geschichte der Gemeinde eröffnet. Dass diese nun keine Pfarrstelle mehr haben solle, stoße auf großes Unverständnis sowohl auf Seiten des Kirchenvorstandes als auch bei den meisten Gemeindegliedern, erklärte sie.

Dekanin Eva Reiß argumentierte mit Zahlen: Die Gemeinde sei zu klein geworden und habe deshalb keinen Anspruch mehr auf eine halbe Pfarrstelle. Dies ließen die Anwesenden nicht gelten. Sie wiesen darauf hin, dass im sogenannten Kooperationsraum Nord-West des Dekanats, den Stadtkirche, Friedenskirche und Johannesgemeinde bilden, anderes beschlossen worden sei. Aufgrund des Auftrags des Synodalvorstands, dort eine halbe Pfarrstelle zu streichen, sei die Lösung erarbeitet worden, „dass jede Gemeinde eine/n eigene/n Pfarrer/in behalten sollte“.

Dass diese Empfehlung nicht umgesetzt wurde, stieß laut Pfarrer Bundschuh auf großes Unverständnis. Darüber hinaus wurde darauf hingewiesen, dass die am 1. Januar neu aus Paul-Gerhardt-, Luther-, Schlosskirchen- und aufgelöster Lauternborngemeinde entstehende Mirjamgemeinde von der Zahl ihrer Glieder her eine ganze Pfarrstelle verlieren müsste. Stattdessen werde sie mit zwei halben Schwerpunktpfarrstellen über die Maßen gut ausgestattet. Was, so der Pfarrer, die Vermutung nahe lege, dass hier mit zweierlei Maß gemessen und Pfarrstellen für bestimmte Personen „maßgeschneidert“ würden. Auf diese wie auch auf viele andere Fragen sei die Dekanatsspitze die Antwort schuldig geblieben. Der Stadtkirchenvorstand hat Einspruch gegen die Entscheidung des Synodalvorstands bei der Kirchenleitung eingelegt, damit diese den vorgelegten Stellenplan nicht genehmige.

Eine Antwort stand allerdings bis zur Gemeindeversammlung noch aus. Die Gemeindeglieder können den Einspruch noch bis zum morgigen 31. Dezember in der Kirche am Hugenottenplatz mit ihrer Unterschrift unterstützen.

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