Kräftige und zarte Striche

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Skizzen einer Großstadt: Die rasante Form von Architekten, Künstlern und Kreativen gewährt ungewöhnliche Blicke.

Offenbach - Linien, Schraffierungen und Farbwelten säumen die Wände des Verwaltungsbaus. Sie zeigen oftmals die gleichen Motive: Isenburger Schloss, Citytower, Mathildenplatz. Von Katharina Skalli

Und doch wird es dem Betrachter nicht langweilig, sind die Werke doch so unterschiedlich wie die Künstler, die sie erschaffen haben. 60 Architekten, Künstler und Kreative hat der Offenbacher Sepp Held zusammengetrommelt und sie die Stadt zeichnen lassen. „Bilderflut“ nennt sich nun die Ausstellung, die die Ergebnisse präsentiert.

Das Architektenzeichnen ist fester Bestandteil des Architektursommers Rhein-Main. In diesem Jahr stellten die Veranstalter die Beziehung der Städte Offenbach und Frankfurt in den Mittelpunkt. „Vis a Vis“ nennt Initiator Sepp Held das szenische Konzert, das ins Zentrum der Vernissage rückte. Tanz, Musik und Vorträge präsentierten, was Offenbach und Frankfurt trennt und vereint. Ob Fußball, Fluglärm oder Goethe, die Künstler skizzierten die Stadt musikalisch und schauspielerisch. Das Treiben wurde von den Werken der Zeichner umringt, die ein Wochenende mit Zeichenbrettern bewaffnet die Innenstadt bevölkerten. Genauer gesagt, die Achse von der Kaiserstraße über den Wilhelmsplatz bis zum Mathildenplatz.

„Das neue Offenbach einfangen“

„Wir wollten das neue Offenbach einfangen“, erklärt Sepp Held und meint damit das Areal, das sich in der Vergangenheit am meisten verändert und entwickelt hat. Aus ganz Deutschland reisten Künstler an, um sich an dem ungewöhnlichen Projekt zu beteiligen. Zudem folgten Künstler aus Holland und dem Iran der Einladung. „So ist ein unterschiedliches Panorama entstanden“, fasst Held zusammen. Bewusst wählte er die Form des Skizzenzeichens, die rasante Form des Übertragens eines Ausschnitts auf Papier. Der Architekt und Stadtplaner sieht im Zeichnen ein Sprachmittel, eine Möglichkeit der Kommunikation, die überall verstanden wird.

Offenbach sei besonders. „Die Stadt verfügt über einen immensen Motivreichtum“, so Held. Das dokumentieren gut 500 Bilder im Rathausfoyer. Die Werke von Ursula Zepter sind farbenfroh. Straßen, Schilder, Lichtanlagen und Gebäude zeigen ein buntes, aufregendes Offenbach. Manfred Lobes Gesicht der Stadt ist zarter. Linien skizzieren blass einen Kiosk, das Mainufer, den Wochenmarkt. Mit kräftigen Kohlestrichen hat Laura Baginski das lebendige Markttreiben eingefangen. Wie eine moderne Skizze aus einem Computerprogramm wirken dagegen die Bilder von Kirsten Baumann. Bunte Filzstiftstriche fügen sich zu blauen, roten, grauen und gelben Feldern.

Das Leben vor und mit der Architektur

Die Werke zeigen Facetten der Stadt. Das lebendige Leben am Wasser, die starken Strukturen und das doch zerbrechliche Miteinander. Schwach und stark zu gleich. Der Iraner Avid Saeed hat ein kleineres Format gewählt, um seine Sicht auf Offenbach auf Papier zu bannen. Bemerkenswert detailliert fängt sein Filzstift den steinernen Löwen im Büsingpark ein. Seine Frau Myriam Naderi lenkt den Blick weg von Steinen und Fassaden, hin zu den Menschen. Ihre Bilder zeigen vor allem Frauen, mit und ohne Kopftuch, beim Lesen, Spazieren, Vorbeigehen. Das Leben vor und mit der Architektur. Dieser Blick passt zu den Worten Peter Brockes, die die Vernissage eröffnen: „Stadtgeschichte zeichnet sich ab an Menschen und Mauern.“ Zwar könne Offenbach sicher nicht mit den Hochglanz-Städten aus der Werbung mithalten, meint er, fügt aber rasch hinzu: „Wissen wir doch, dass Paradiese langweilig sind.“ Dass dies auf Offenbach so gar nicht zutrifft, zeigen die Arbeiten der Stadtzeichner, die noch bis Freitag, 30. September, im Foyer des Rathauses zu sehen sind.

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