Gefahr für Flugzeuge

Kraniche auf Kollisionskurs

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Auch wenn es anders wirkt: Nilgänse sind keine Gefahr für Flugzeuge, dafür flattern sie, wie hier über dem Schultheisweiher, zu niedrig. Kraniche sind dagegen kritischer.

Offenbach - Zehntausende von Kranichen haben in den vergangenen Tagen das Rhein-Main-Gebiet in Richtung Süden überflogen. Für jeden Beobachter ein beeindruckendes Naturschauspiel. Für Flugzeuge dagegen eine Gefahr. Von Matthias Dahmer

Wie schnell der Anblick blankem Entsetzen weichen könnte, davon bekamen jene Rathaus-Mitarbeiter eine Ahnung, die am Freitagvormittag, 26. Oktober, von den oberen Stockwerken aus zum Himmel blickten. Flughafendezernent Peter Schneider berichtet: Ein fast 1 000 Tiere zählender Kranichschwarm sei einem über dem Oberräder Wald gen Osten startenden Flugzeug so nahe gekommen, dass mehr als die Hälfte der rund fünf Kilogramm schweren Tiere vom Strahl der Triebwerke hilflos wie Konfetti durch die Luft gewirbelt worden seien, bevor sie ihren Flug wieder hätten kontrollieren können. Erst nach diesem Ereignis seien dann bis zum Abebben des Kranichzugs keine Starts in Ostrichtung zu beobachten gewesen. Ähnliches habe sich in der Mittagszeit des nächsten Tages über dem Oberräder Wald noch einmal ereignet, so Schneider.

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Die Beinahe-Kollision lässt den Grünen-Bürgermeister daran zweifeln, dass das Überwachungs- und Kontrollsystem für Vogelschlag am Frankfurter Flughafen wirklich funktioniert. Das tut’s, versichert hingegen Flughafenbetreiber Fraport. Nur: Das Ganze beschränke sich gemäß Planfeststellungsbeschluss zum Bau der Nordwestlandebahn auf die Anfluggrundlinie der neuen Piste für in Richtung Osten landende Maschinen, weil diese den Main und damit eine beliebte Route für den Vogelzug kreuzten.

Warnsysteme für Frankfurt

Das Mivotherm genannte und speziell für Frankfurt entwickelte Warnsystem besteht aus drei Stationen in Rüsselsheim, Eddersheim und Kelsterbach, an denen stereoskopische, hochauflösende Wärmebildkameras angebracht sind. Damit werden größere Vogelbewegungen mainauf- und mainabwärts, Flughöhe und Fluggeschwindigkeit der Vögel sowie die Schwarmgröße erfasst. Aus diesen Daten wird die Position der Tiere am Mainkilometer 14,4 berechnet, wo Flugzeuge den Fluss überfliegen. Die entsprechenden Infos gehen per Funk an die Deutsche Flugsicherung (DFS). Dort entscheiden Lotsen, ob eine Warnung an die Piloten weitergegeben wird.

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Vom partiellen Warnsystem Mivotherm konnten die von Offenbach aus beobachteten Kranichschwärme demnach nicht erfasst werden. Bei der DFS seien keine entsprechenden Warnungen eingegangen, sagt denn auch Sprecherin Kristina Kelek. Grundsätzlich liege die Beurteilung der Lage im Verantwortungsbereich des Piloten. Er informiere den Tower und entscheide, ob er etwa beim Landeanflug durchstarte oder, falls möglich, ausweiche. Ebenso wie Fraport gibt die DFS-Sprecherin zu bedenken, dass es andere Großflughäfen zum Beispiel in Küstennähe gebe, wo Vogelschwärme ein ungleich größeres Thema seien.

Pilot in der Verantwortung

Beim Umgang mit drohendem Vogelschlag, bestätigt Jörg Handwerg, Flugkapitän und Pressesprecher der Vereinigung Cockpit, sei der Pilot in der Verantwortung, es gelte das Prinzip „sehen und gesehen werden“. Einen hundertprozentigen Schutz vor einer Kollision gebe es ohnehin nicht. Für Handwerg ist der Vogelschlag eine von Fluglärmgegnern aufgebauschte Geschichte, die früher nie ein Thema auf dem Frankfurter Flughafen gewesen sei.

Offenbachs Bürgermeister sieht das anders: „Muss es erst zur Katastrophe kommen, bevor das Überwachungssystem verbessert wird?“, fragt Peter Schneider. Er erinnert an die Notlandung eines US-Flugzeugs im Hudson River im Januar 2009 nach der Kollision mit einem Gänseschwarm. So etwas könne auch im Untermaingebiet passieren. Experten hätten für die beiden fraglichen Tage mit dem Durchzug von Großvögeln gerechnet, so dass niemand von unvorhersehbaren Ereignissen reden könne.

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