Krankenfahrt: „Haben keinen Wagen frei“

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Offenbach - Paul Saupe hat das Richtige getan. Er hat gelogen. Aus Not. Sonst wäre seine schwerkranke Frau nicht ins Krankenhaus gekommen. Von Veronika Szeherova

In Offenbach kurzfristig einen Krankentransport zu bekommen, obwohl dieser ärztlich verschrieben war, erwies sich am Dienstag für den Senior als unmöglich.

Doch der Reihe nach: Als die Hausärztin am Morgen Saupes Ehefrau zu Hause untersucht, schickt sie die 80-Järige ins Krankenhaus. Die Diabetikerin, die im Februar eine neue Herzklappe und vor wenigen Monaten zwei Bypässe am Bein bekommen hat, ist in einem schlechten Zustand. Ihre OP-Wunden heilen schlecht, zudem muss sie fast permanent von einem elektrischen Sauerstoffgerät beatmet werden. Die Ärztin stellt einen Beförderungsschein mit Tragesitz und medizinischer Betreuung aus.

„Wir haben kein Fahrzeug frei“

Saupe ruft beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) an, um einen entsprechenden Fahrdienst zu bestellen. „Wir haben kein Fahrzeug frei“, erfährt er dort. Auch beim Roten Kreuz heißt es: „Heute haben wir keinen Wagen verfügbar.“ Der 84-Jährige versucht es noch bei zwei weiteren Anbietern. Auch sie kommen nicht, da es sich um keinen Notfall handele. „Heute Abend vielleicht“, lautet noch die vielversprechendste Antwort der Dietzenbach Ambulance. Doch so lange will Saupe nicht warten: „Meine Frau hing in den Seilen, mehr tot als lebendig.“

Um sie ins Krankenhaus zu bekommen, greift er zu einer Notlüge. Er wählt die Notrufnummer und erzählt dort, seine herzkranke Frau sei gestürzt und müsse deshalb in die Klinik. Ein Rettungswagen kommt und bringt sie in ein Frankfurter Krankenhaus. „Es geht ihr den Umständen entsprechend gut“, teilt Saupe am Redaktionstelefon mit. Doch dass es zu dieser Situation kommen musste und erst die Notlüge die Beförderung ins Krankenhaus ermöglichte, bezeichnet er als „paradox“.

Fahrdienste als freie marktwirtschaftliche Unternehmen

DRK-Geschäftsführer Doru Somesan beschreibt die Fahrdienste als freie marktwirtschaftliche Unternehmen, die von Angebot und Nachfrage bestimmt seien. „Das ist nicht anders als Taxifahren.“ Anders als beim Notversorgungsplan, für den immer Fahrzeuge zur Verfügung stehen müssen, die von der Notruf-Leitstelle aus beauftragt werden, sei es bei den Fahrdienst von der Verfügbarkeit der Fahrzeuge und des Personals abhängig, wie schnell ein Transport realisiert werden könne. Somesan sagt, dass die Sparte Krankenfahrten ohnehin unter dem Kassen-Sparkurs leide und reduziert worden sei. „Es ist ein Systemproblem. Die Notversorgung ist aber sicher.“

Rolf Lehmann, Inhaber der Dietzenbach Ambulance, spricht ebenfalls von Engpässen. „Zu wenige Autos, zu wenig Personal – es ist eine Frage der Kapazitäten.“ Die meisten Kunden bestellen ihre Transporte schon Wochen vorher. „Deshalb passiert es immer wieder, dass wir kurzfristige Anfragen nicht bedienen können, auch wenn wir gern würden.“

ASB streicht zum Jahresende sein Transportangebot

Der ASB streicht zum Jahresende sein Transportangebot völlig. Laut Geschäftsführer Ulrich Müller steht dieser Fall jedoch damit nicht in Zusammenhang: „Wir bieten Krankenbeförderungen ohne qualifizierte medizinische Betreuung an. In diesem Fall wurde aber ein qualifizierter Krankentransport verlangt. Diesen Einsatz hätten wir also gar nicht machen können.“ Er räumt ein, dass der Mitarbeiter am Telefon Saupe darauf hätte hinweisen müssen, sich deswegen bei der Notruf-Leitstelle zu melden. „Herr Saupe hat intuitiv genau das Richtige getan.“

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