„Krankenhaus ist kein Fünf-Sterne-Hotel“

Offenbach (psh) - Niemand geht gerne ins Krankenhaus, dennoch möchte jeder dort fachmännisch behandelt und freundlich betreut werden. Wie aber erleben Krankenschwestern und Pfleger täglich die Patienten?

Das Magazin Reader’s Digest hat nachgefragt und veröffentlicht zahlreiche Erlebnisse, Ärgernisse und Geheimnisse des medizinischen Personals. Dabei zeigte sich, dass der Alltag in den Kliniken so gar nichts mit den Szenen aus den Krankenhausserien im Fernsehen zu tun hat. Die Aussagen ähneln den Berichten, in denen Betroffene aus Krankenhäusern der Region unserer Redaktion regelmäßig ihre Eindrücke schildern.

Vor allem die Arbeitsbelastung nimmt ständig zu. „Weniger Personal, weniger Zeit, mehr Keime. Im Operationssaal kommt es auch auf kurze Wechselzeiten an“, schreibt ein Pfleger aus Berlin und räumt ein: „Eine vernünftige Zwischenreinigung und vor allem das Abwarten der Einwirkzeit des Desinfektionsmittels wird oft vernachlässigt. Man fährt schon den nächsten Patienten in den OP, obwohl der Boden noch nass ist.“ Zwei Krankenschwestern bestätigen das. „Immer weniger Personal, immer mehr Aufgaben. Bitte haben Sie Verständnis, wenn wir mal gestresst sind“, berichtet eine Pflegerin aus Hamburg. Und eine Kollegin fügt dazu: „Wir Schwestern sind gehalten, die Ärzte immer wieder daran zu erinnern, dass die Liegezeiten nicht zu lang werden.“ Vor diesem Hintergrund macht sich unter den Schwestern durchaus auch mal Sarkasmus breit: „Ein beatmeter, künstlich ernährter Patient ist ein guter Patient. Der ist still und macht kaum Arbeit“, so eine Krankenschwester, die seit vielen Jahren in München auf einer Intensivstation arbeitet.

Im Krankenhaus nicht der Einzige

Wer ins Krankenhaus muss, darf zwar eine umfassende Betreuung erwarten, sollte sich aber im Klaren darüber sein, dass er nicht der Einzige ist, um den sich die Schwestern kümmern müssen. „Es gibt Patienten, die verwechseln das Krankenhaus mit einem Fünf-Sterne-Hotel“, merkt ein Pfleger aus Berlin an. Eine Krankenschwester aus Niedersachsen sieht das ähnlich: „Patienten, die hereinkommen, großspurig auftreten und sagen: ,Ich bin privat’, mag ich gar nicht.“ Und eine ihrer Kolleginnen aus Hamburg mahnt: „Jammern ist okay, Sie sind krank und deshalb bei uns. Aber bitte nicht die ganze Zeit - wie soll ich sonst wissen, wann es ihnen wirklich schlecht geht?“

Eine Schwester aus München berichtet über ein anderes Ärgernis mit Patienten, das leicht vermeidbar wäre: „Man gewöhnt sich an alles. Ekel gehört dazu. Wer einen Herzinfarkt erleidet, hat seine Ausscheidungen oft nicht unter Kontrolle. Daraus mache ich niemandem einen Vorwurf. Schlimmer finde ich, wenn jemand ungewaschen, mit ungeputzten Zähnen und in schmutziger Wäsche zur Untersuchung kommt.“ Auch die Anwesenheit von Angehörigen kann durchaus zur Last werden. „Wenn fünf, sechs Familienmitglieder zu Besuch kommen, die Patienten stundenlang umlagern und dann noch einen Picknickkorb mit geruchsintensiven Leckereien mitbringen - da krieg ich zu viel. Eine Klinik ist kein Ausflugslokal“, bemerkt eine Schwester, die in Berlin in der Geburtsmedizin arbeitet. Viele Schwestern empfinden es ähnlich nervig, wenn Familienmitglieder meinen, sie wüssten alles besser: „Angehörige, die ständig an unserer Kompetenz zweifeln, finde ich ärgerlich. Viele rufen mehrmals am Tag im Stationszimmer an und kritisieren die Pflege. Wir tun wirklich unser Bestes, aber Sie rauben uns mit ihren Nervereien die Zeit, es auch zu machen“, sagt eine Betroffene aus Berlin.

Das größte Ärgernis

Das größte Ärgernis bleibt aber ohne Zweifel die Arbeitsbelastung. Nach Berechnungen des Deutschen Berufsverbandes der Pflegeberufe wurde zwischen 1996 und 2008 in den deutschen Krankenhäusern rund 14 Prozent der Pflegevollzeitstellen abgebaut. Die Zahl der Patienten stieg aber um zwölf Prozent. Immer wieder müssen die Pfleger dabei auch Aufgaben von Ärzten übernehmen. „Oft fehlen uns Anästhesisten im, OP. Dann werden selbstständige Anästhesisten zeitweise eingestellt. Bei manchen muss man als Pflegepersonal die Aufsicht übernehmen, weil sie sich nicht auskennen - oder man den Eindruck gewinnt, ihnen fehle die Qualifikation“, erzählt ein Pfleger aus Berlin.

Dass die tägliche Belastung nicht ohne Folgen bleibt, beweist die Statistik: Im Schnitt geben Pfleger und Schwestern ihren Beruf nach etwa 14 Jahren auf.

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