Kreative erforschen sich

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Kreative erforschen sich - Stiftungsprofessur soll an Offenbachs Hochschule für Gestaltung Neuland erschließen.

Offenbach ‐ Es gibt viele Definitionen des Begriffs Kreativität. Die klassische spricht schlicht von „schöpferischem Denken und Handeln“. Eine andere von der „Erzeugung vorher nicht dagewesener Informationen“. Eine dritte von der „Fähigkeit, von bestimmten Dingen abzusehen, wenn sie die Verfolgung eines gegebenen Zieles behindern“. Von Marcus Reinsch

Mit der Stiftungsprofessur „Kreativität im urbanen Kontext“, die spätestens zum Wintersemester 2010 an Offenbachs Hochschule für Gestaltung (HfG) eingerichtet wird, zielen deren Wegbereiter und Geldgeber auf alle drei Deutungen.

Offenbach als Kreativstadt

Schöpferisches Denken und Handeln ist sowieso die Ur-Qualität der HfG. Bisher nicht dagewesene Informationen sollen Professor und Studenten in den Forschungsfeldern „kreative Stadt“ und „kreative Milieus“ erzeugen. Und dass sich das chronisch klamme Offenbach beim Hineinwachsen in die ersehnte Außenwirkung als „Kreativstadt“ nicht von finanziellen oder schlimmeren Minderwertigkeitskomplexen abhalten lassen darf, predigen Stadtobere so einfallsreich, dass ihre Mühen um den Titel selbigen schon rechtfertigen würden.

Was genau sich außer Imagepflege noch hinter „Kreativität im urbanen Kontext“ verbirgt, ist bisher wenig greifbar. Die zunächst für fünf Jahre gesicherte Professur an der Kunsthochschule wird die erste ihrer Art in Deutschland sein. Fest steht, dass dieses Neuland Studenten aus allen HfG-Fachbereichen - Künstler, Visuelle Gestalter, Produktgestalter - offen stehen wird. Heißt: Es entsteht kein neuer Studiengang, sondern ein Angebot, das mit Projekten, Seminaren, Symposien und Tagungen andere Studiengänge um die „Erforschung der Rolle der Kreativen für die Stadt und das städtische Leben“ ergänzt und zu sichtbaren Ergebnissen anregt. Die Kreativen erforschen sich und ihre Wirkung quasi selbst.

Auf gutem Weg in die internationale Liga

„Stadt“ bedeutet dabei einen „Schwerpunkt Offenbach“. HfG-Präsident Bernd Kracke hat „die Etablierung der Region als Kreativstandort“ im Sinn und wähnt Offenbach auf einem „guten Weg in die internationale Liga“. Die HfG - regelmäßig geadelt durch Absolventen, die weltweit Design- und andere Preise abräumen - könnte da Wegweiser sein.

Basiskosten pro Jahr: 100 000 Euro. Dass die Stadt, die Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) und die in Offenbach und Frankfurt tätige Dr. Marschner-Stiftung mit ihren Budgets für je ein Drittel der Personalkosten einspringen, wurde gestern im Rathaus vertraglich festgeklopft. Die HfG, sagte der scheidende SOH-Geschäftsführer Joachim Böger, sei „eine richtige Bezugsgröße, ein Hefepilz. Und Hefe muss gefüttert werden.

Das wollen auch andere tun. Bisher haben die Industrie- und Handelskammer Offenbach, die Wirtschaftsinitiative RheinMain, die Energieversorgung Offenbach und die Frankfurter Mainova AG Zustiftungen zugesagt, die dann die Anteile der Stadt und der SOH reduzieren. Weitere Zuwendungen für die laufende Kreativarbeit, versicherte Professor Kracke, würden natürlich nicht abgelehnt.

Oberbürgermeister Horst Schneider steigert sich schon jetzt in die Vorfreude auf den Ruf hinein, den Offenbach irgendwann genießen soll - „in Frankfurt, Hessen, Deutschland, Europa, der Welt“. Die Stadt hüte die Hochschule „aus guten Gründen wie ihren Augapfel“. Diesen Status hat die HfG auch bei der Marschner-Stiftung, die einen Erbteil des M. Schneider-Mehrheitsgesellschafters Jürgen Marschner sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Projekten zur Verfügung stellt. Die Stiftung bezahlt bereits Stipendien für Studenten, und wenn nun „etwas für Offenbach zu tun ist, das nach außen Wirkung zeigt“, sagte Stiftungsvorstand Wolfgang Rawer, „dann helfen wir da gerne.“

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