Kreatives statt Körperpflege

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Kunst ist in der Ladenfiliale allgegenwärtig.

Offenbach - Wo früher Bodylotion oder Badreiniger über den Ladentisch gingen, formt und fördert Lutz Jahnke Gedanken und Projekte zu Themen, die die Menschen heute bewegen. Von Energiesparen bis Konsumkritik reichen die Fragen, von Experiment bis Konzert die Antworten. Von Katharina Hempel

In einem ehemaligen Drogeriemarkt an der Offenbacher Ludwigstraße hat der Grafikdesigner im Juli die „Akademie für interdisziplinäre Prozesse“ (AfiP) eröffnet. „Eigentlich war’s ja ein Experiment“, erzählt der 31-jährige Offenbacher. Er wollte „nur mal ausprobieren“, ob er den sowieso leer stehenden Laden für kurze Zeit mieten könnte. Das ging am Ende einfacher als erwartet. „Auf einmal stand ich hier. Dann hab ich einen Kasten Bier besorgt und erstmal meine Freunde angerufen.“ Ein paar weggeschnippte Kronkorken und leere Flaschen später, fasste Lutz den Entschluss, die Akademie zu gründen. Vielleicht aus einer Bierlaune heraus, aber sicher keine Schnapsidee, wie sich bald zeigte.

Alleine auf Facebook klickten bisher 506 Nutzer „gefällt mir“ für die AfiP. Kai Vöckler, Professor an der Hochschule für Gestaltung (HfG), soll laut AfiP-Chef die Akademie für eine der herausragendsten kreativen Kulturinstitutionen in Offenbach halten.

In silbergrauen Lettern prangt der Schriftzug „afip“ über einer meterlangen Schaufensterfront am Offenbacher Goetheplatz. Dahinter erstrecken sich 300 Quadratmeter ehemaliger Ladenfläche. Eine Etage tiefer ist nochmal genauso viel Platz. Platz, den der ehemalige HfG-Student und seine zahlreichen Mitstreiter gut zu nutzen wissen. Zum Beispiel für Ausstellungen, Konzerte, Partys, Poetry Slams, Workshops oder Foto-Shootings.

Forschungsreise durch Offenbach

Bunt zusammengewürfelte Stühle stehen in der oberen Etage. In Reih und Glied warten sie auf Zuhörer, die sich für die Dauer eines Vortrags auf ihnen niederlassen, oder auf die Teilnehmer des Forschungsseminars, die sie zu Gruppen oder in einen Stuhlkreis schieben. Das geschieht jeden Dienstag. „Zum Forschungsseminar kommen immer um die 15 bis 20 Leute“, sagt Lutz. Die wöchentlichen Treffs haben schon die unterschiedlichsten Ergebnisse hervorgebracht: Eine Forschungsreise durch Offenbach, zum Beispiel. Fragestellung: Wie kann die Stadt Strom sparen? „Wir haben herausgefunden, dass manche Ampeln nachts kaum genutzt werden.“ Würden sie in dieser Zeit abgeschaltet, könnte Offenbach Energie sparen. „Den Sparplan legen wir der Stadt vor und hoffen, dass sie uns ihre dadurch gewonnenen Ersparnisse spendet.“ Die Veranstaltung „Kulturschmelze“ geht ebenfalls auf das Konto der kreativen Denkzentrale. Dabei war Bürgermeisterin Birgit Simon via Internettelefon Skype mit Elmshorn verbunden, um sich mit Björn Hansen zu unterhalten. Der hat sich zum Ziel gesetzt, mit seinem Projekt Morgenwelt die norddeutsche Stadt zu einer Modellregion für erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit zu machen.

Im nächsten Jahr wird‘s sportlich bei der AfiP: „Ein brasilianischer Fußballer, der lustigerweise auch Ronaldo heißt, trainiert ab Januar einmal pro Woche acht bis 14 Jahre alte Kinder“, kündigt der Offenbacher an. Interdisziplinärer, sprich bunter, könnte das Angebot der Akademie nicht sein. Lutz Jahnke beschreibt sie als ein „sehr offenes Konzept, das alle anspricht“ und als „Netzwerkpool“. Jeder kann am Goetheplatz vorbeikommen, seine Ideen oder sein Projekt vorstellen und zur Diskussion und Verbesserung anbieten, egal ob Sportler, Sänger, Mathematiker oder Maler.

Alter Schreibtisch mit Globus und Chefsessel

Eine Glasscheibe trennt im hinteren Teil der Akademie ein kleines Kabuff vom Rest des Raums. Früher waltete hier die Ladenaufsicht. Die einst vergilbten Wände dahinter hat der Künstler und ehemalige Studienkollege Erickson Krüger weiß gestrichen und mit einem Wandgemälde aus schwarzen Linien verziert.

Ein paar Meter neben dem Büro der Ladenaufsicht steht ein Fahrrad. Wie eine Discokugel über und über mit kleinen Spiegeln beklebt. „Das war mein Nachbar Rainer Balke.“ Das Pendant dazu lehnt am anderen Ende des ehemaligen Ladens, wenige Schritte hinter der Eingangstür. Weiße Federn haben das alte Fahrrad in einen luftigen Drahtvogel verwandelt.

Mehr Informationen auf der Internetseite

Neben der Eingangstür steht auch ein alter Schreibtisch mit Globus obendrauf und Chefsessel dahinter. Das ist der Arbeitsplatz von Lutz Jahnke. Hier hat er alles im Blick – aktuelle und zukünftige Projekte genauso wie die vorüberziehenden Passanten. Eine Fußgängerin bleibt vor der ehemaligen Drogerie stehen. Während sie noch neugierig durch das Schaufenster schielt, sprintet Lutz zur Tür. Mit einem AfiP-Flyer bewaffnet, den er der überraschten Spaziergängerin mit den Worten „vielleicht schauen Sie mal wieder vorbei“ in die Hand drückt. So oder so, „täglich kommen vier bis fünf Leute vorbei“.

Feste Größe in Offenbachs kreativer Szene

Das Phänomen Stehenbleiben, Reingucken, Mitmachen funktioniert. Die AfiP ist mittlerweile aus ihren Kinderschuhen herausgewachsen. Aus dem Experiment ist laut Akademieleiter Jahnke eine feste Größe in Offenbachs kreativer Szene geworden. Ursprünglich lief der Mietvertrag nur bis Ende November. Der Vermieter hat ihn nun bis zum Ende des nächsten Jahres verlängert. Lutz Jahnke ist begeistert: „Der Dönerladen von gegenüber versucht es immer wieder, Ein-Euro-Läden und Spielhöllen sind auch an dem Geschäft hier interessiert. Aber die Verwaltung ist so geil, die wehren alle Interessenten ab.“

Lutz Jahnke

Und mit ein bisschen Stolz in der Stimme erklärt er: „Mit keinem Euro erzeugen wir hier sehr viel. Und das ist alles selbst generiert.“ Lutz fügt hinzu: „Die EVO unterstützt uns monatlich mit einer begrenzten Menge Ökostrom.“ Doch dieses monatliche Guthaben ist knapp und in den kalten Monaten leider viel zu schnell aufgebraucht.

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