Bloß nicht den Antrag lesen!

+
Die wichtigsten Kriterien für die Kreditvergabe sind: Der Unternehmer muss als Kreativ- und Kulturschaffender tätig sein und seinen Sitz im Fördergebiet haben. Die Sterne zeigen, wo schon jemand gefördert wurde.

Offenbach - Sieben Seiten Antrag, fünf Seiten Anhang, zwölf Seiten Richtlinien. Wer Geld von amtlicher Seite will, muss dafür einiges leisten. Und sei es nur, sich durch den Wust an Dokumenten zu kämpfen, die ausgefüllt sein wollen. Von Fabian El Cheikh

„Irgendwann sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“, zeigen Loimi Brautmann und Oliver Wittmann Verständnis für die Schwierigkeiten, die hat, wer einen Kreativkredit beantragt.

Den gewährt das Land Hessen Offenbacher Künstlern im Zuge des Programms „Lokale Ökonomie“ – einem Wirtschaftsförderprogramm, das sich aus dem Europäischen Fond für regionale Entwicklung (EFRE) speist.

Klingt bürokratisch? Ist es auch. Doch Brautmann und Wittmann, die kreativen Köpfe der Offenbacher Planstation, reichen Antragsstellern sozusagen die Machete, um sich einen Pfad durch den Bürokratiedschungel zu dreschen. „Wir hoffen, dass sich keiner erst den Antrag durchliest“, lautet das überraschende Motto der beiden. „Wer den Förderkredit haben will, sollte direkt zu uns kommen.“

Oliver Wittmann ist Jurist und Kulturmanager. „Ein Kulturanwalt“, sagt der 37-Jährige von sich. „Den Titel gibt es zwar nicht, er klingt aber gut.“ Loimi Brautmann ist ehemaliger Student der Hochschule für Gestaltung (HfG), Offenbachern vor allem bekannt durch seine Projekte „OFLovesU“ und „Like OF“. Beruflich stammt der 30-Jährige aus der Mediengestaltung.

Gebiet zwischen Berliner und Mainstraße

Brautmann und Wittmann sitzen lässig in ihrem Büro im Gründercampus Ostpol, dem kreativen Zentrum der Stadt im Mathildenviertel. „Kiez“ nennen beide liebevoll das kleine Gebiet zwischen Berliner und Mainstraße – das offizielle Fördergebiet. Zu einem solchen hat es die Stadt Offenbach für das EU-Programm „Lokale Ökonomie“ erkoren, dabei ausschließlich auf die Kreativwirtschaft schielend. „Die Stadt nutzt das, um die Szene zu stärken“, erläutert Wittmann den Grundgedanken, der hinter allem steckt.

Lässig geben sich Loimi Brautmann (links) und Oliver Wittmann, die Förderer der Kreativszene.

Mit ihrer Planstation haben sich Brautmann und Wittmann erfolgreich beworben, als es dem städtischen Kultur- und Wirtschaftsamt vor zwei Jahren darum ging, einen Dienstleister zu finden, der das Programm abwickelt und die antragstellenden Kreativ- und Kulturschaffenden betreut. „Im November 2010 haben wir noch aus dem Rathaus heraus die ersten 25 Anträge bewilligt, zwei abgelehnt“, bilanziert Wittmann. Vor einem Jahr ist die Planstation ins Gründerzentrum Ostpol gezogen, wo sie hingehört.

Mit dem üblichen Behördenkram haben die Zwei von der Planstation normalerweise nicht viel am Hut. Daher verstehen sie, dass viele, die sich für einen Kredit interessieren, von den bürokratischen Anforderungen abgeschreckt sind. „Wichtig ist uns aber, dass sich die Szene traut“, sagen sie und beziehen das nicht nur auf den Antrag, sondern auch auf die Kreativität der Angesprochenen. „Es muss nicht immer konventionell sein, um gut zu sein.“

Wer aber bekommt einen Kredit aus dem Förderprogramm? „Ganz klar: Bildende Künstler, die unternehmerisch handeln“, erläutert Brautmann. Wobei Übergänge stets fließend sind. Oft kommen Firmen und Agenturen auf ihn zu, die sich in der Stadt niederlassen wollen.

Stets das gleiche Prozedere

Dann beginnt das stets gleiche Prozedere. „Wir geben der Person oder dem Unternehmen eine Erstberatung, prüfen die Investition, klopfen K.O.-Kriterien ab und stellen sicher, dass es sich um Kreativwirtschaft handelt.“ Ausschlusskriterium ist häufig der Ort des Geschehens: „Einen Kredit erhält nur, wer seinen Sitz innerhalb des Fördergebiets hat und sich verpflichtet, mindestens fünf Jahre dort zu bleiben.“ Keine Chance auf Zustimmung haben auch Antragssteller, die sich mit dem Geld Mieten oder Gehälter fördern lassen wollen. „Da müssen wir vorab ausfiltern.“

Abschließend erklären Brautmann und Wittmann den umfangreichen Antrag. „Ausfüllen muss den schon jeder selbst, aber wir erklären, worum es geht.“ Die endgültige Entscheidung trifft am Ende jedoch nicht die Planstation, sondern ein Förderausschuss, der sich zusammensetzt aus je einem Vertreter der Hochschule für Gestaltung, der Gemeinnützigen Baugesellschaft, der Industrie- und Handelskammer, dem städtischen Forum Kultur und Sport sowie den Ämtern für Wirtschafts- und Arbeitsförderung.

Etwa 50 Beratungen haben Brautmann und Wittmann inzwischen getätigt, 28 Anträge bewilligt. „Doch wir sind auch darüber hinaus Anlaufstelle für Kreative.“ Schließlich verfügen beide über ausgezeichnete Kontakte in die Szene – und das bundesweit. Sie verdichten das Netzwerk, „nicht nur in unserem, sondern auch im Interesse der Stadt“. Und sie haben ihren Anteil daran, dass Kreativschaffende bundesweit inzwischen mit dem Finger auch auf Offenbach zeigen.

Kommentare