Grünen-Kreisverband diskutiert über Fehler

Altes Weltbild gilt nicht mehr

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Auch der Kreisvorstand wurde teils neugewählt bei der Mitgliederversammlung. Das Foto zeigt Geschäftsführerin Nata Kabir, die Beisitzer Tobias Dindelinger, Frank Leithäuser, Sybille Schumann und Wanda Krautter sowie Sprecher Wolfgang Malik und Kassiererin Uschi Richter.

Offenbach - Kritik am Wahlkampf und Skepsis über eine mögliche Regierungsbeteiligung in Hessen prägten die Mitgliederversammlung des Offenbacher Kreisverbands der Grünen am Montagabend. Von Fabian El Cheikh

Während noch über Fehler diskutiert wurde, kehrte der Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir müde vom Sondierungsgespräch mit der CDU aus Wiesbaden zurück.

Es war in gewisser Hinsicht ein historischer Tag, den der Grünen-Fraktionschef hinter sich gebracht hatte. „Noch nie haben in Hessen CDU und Grüne gemeinsam an einem Tisch gesessen und über die Frage gesprochen: Können wir miteinander?“, erstattete der Offenbacher seinen gespannten Parteikollegen Bericht.

Gespräche bei Kaffee und Schnittchen

Und können sie? „Es gibt Unterschiede, vor allem beim Fluglärm und Straßenbau“, gab der Offenbacher zu bedenken. „Aber allein die Tatsache, dass es für eine schwarz-gelbe Koalition nicht mehr reicht, hilft schon“, zeigte er sich zuversichtlich.

Zweieinhalb Stunden diskutierten Al-Wazir und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bei Kaffee und Schnittchen zunächst über das, „was uns trennt“. Da mag es aus Sicht der Realos weniger Hürden geben als für den mehr ideologisch verankerten Teil der Grünen-Basis.

Letztere hat Bauchschmerzen bei dem Gedanken, möglicherweise der „Heilsbringer“ der Union zu sein. „Wir sind in die Wahl gegangen, um die Regierung abzuwählen und nicht um die Union weiterregieren zu lassen“, sagte ein Mitglied.

Andere wie Bürgermeister Peter Schneider gaben zu bedenken, dass die Alternative dann wohl eine große Koalition sei. „Neuwahlen jedenfalls würden den Grünen schaden und der FDP nutzen.“ Und die Linken, bemerkte Al-Wazir, müssten erst noch erkennen, dass Geld nicht auf Bäumen wachse. Sich in die ideologische Ecke zurückzuziehen, bringe niemanden weiter, betonte Sprecher Wolfgang Malik.

"Hier die Guten, da die Bösen" ist hinfällig

„Wir haben einen klaren Wählerauftrag.“ Vollständige Schnittmenge gebe es ohnehin nie; auch das „klare Weltbild“ von einst, „wir sind die Guten, die anderen die Bösen“, gelte nicht mehr. Bestes Beispiel sei der Landeswohlfahrtsverband: „Dort funktioniert die schwarz-grüne Zusammenarbeit schon sehr gut“, urteilte Malik.

Einvernehmen herrscht an der Basis darüber, dass bei einer Regierungsbeteiligung grüne Inhalte umgesetzt werden müssten. „Wir sind kein Anhängsel irgendeiner Koalition, sondern eine eigenständige Partei mit klarem Programm“, betonte Peter Schneider im Deutsch-Türkischen Freundschaftsverein an der Sprendlinger Straße.

Doch genau ihre Kernkompetenzen Klimawandel, Gerechtigkeit und Freiheit habe die Partei dem Bürger nicht vermitteln können, so das einhellige Fazit der Wahlanalyse. „Wir haben uns zu breit aufgestellt und dabei unsere ureigenen Themen vernachlässigt“, sagte Al-Wazir.

Steuererhöhungen kommen nie gut an

Mit der Ankündigung, Steuern erheben zu wollen, habe noch keine Partei Wahlen gewonnen. „So ehrlich dies auch gewesen ist gegenüber dem Wähler.“ Der aber wolle vor Wahlen gar nicht die ganze Wahrheit hören. „Die Menschen hatten das Gefühl, wir würden ihnen das Geld aus der Tasche ziehen“, bestätigten einige der Offenbacher Mitglieder, die auf der Straße Wahlkampf geführt hatten.

Der bisherige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn, der aller Voraussicht nach nicht mehr in den Reichstag einziehen wird, kritisierte, dass die Grünen mit erhobenem Zeigefinger aufgetreten seien, beispielsweise in der Veggie-Day-Debatte. „Das passt nicht zu einer eigentlich libertären Partei.“

Wer in welchem Bundesland regiert

Wer in welchem Bundesland regiert

Und er stellte klar: „Wir haben den strategischen Fehler begangen, nur auf Rot-Grün zu setzen, als längst klar war, dass es dafür nicht reichte.“ Man hätte offener für Koalitionsoptionen oder – angesichts einer zu erwarten gewesenen großen Koalition – für eine starke Oppositionsrolle sein müssen. „Auch dafür hätten wir Wähler gewinnen können.“

Einige Mitglieder räumten ein, dass ihnen selbst Überzeugung und Motivation abhanden gekommen seien, nachdem der Wahlausgang schon vorher absehbar gewesen war. „Wie sollten wir da noch andere von uns überzeugen?“ Immerhin, so der versöhnliche Abschluss, seien die Grünen in Offenbach stärker als im Landesschnitt. Das gibt Zuversicht.

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