Wir haben mit der Krise kein Problem

+
Wirtschaftskrise janein, Pietät am Odenwaldring, Adrian Koriath.

Offenbach - Das ganze Land zittert vor der Wirtschaftskrise. Das ganze Land? Nein! Einige Geschäftsleute sind verschont geblieben. Denn gegessen, gefeiert, bestattet und schön-gemacht wird eben immer noch. Außerdem hilft Optimismus. Von Kathrin Rosendorff

Der Bestatter

Übers blaue Hemd hat der junge Mann einen langen schwarzen Mantel gezogen. Schwarz ist nun mal seine Geschäftsfarbe. Denn Adrian Koriath (28) ist Bestatter. Seit fünf Jahren leitet er die Pietät am Odenwaldring. Von der Wirtschaftskrise ist sein Geschäft unberührt geblieben. „Jede Familie entscheidet sich anders. Manche kaufen günstige Särge, andere investieren in einen feinen Mahagoni-Sarg. Mit der Wirtschaftskrise hat sich an diesem Kaufverhalten nichts verändert“, sagt Koriath. Zwei Angestellte hat er. Sein Auftreten ist sehr dezent und würde er nicht sprechen, würde man fast vergessen, dass er im Raum ist. „Man muss schon sehr einfühlsam sein in diesem Job und psychisch stabil. Nicht jeder könnte das verarbeiten, was ich jeden Tag sehe.“ Er erzählt von Trauernden, die er tröstet, aber auch von verwesten Leichen, die manchmal Wochen in der Wohnung liegen, bis sie entdeckt werden und von Toten, die nach schweren Autounfällen bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind. Alle holt er in seinem Leichenwagen ab.
Wenn er die Unterschiede zwischen teuren und günstigen Modellen erklärt, wähnt man sich kurz in einem Verkaufsgespräch mit einem Autohändler. Bis er sagt: „Bei sehr hochwertigen Materialien setzt die Verwesung einfach später ein, weil diese mehr vorm einströmenden Sauerstoff schützen.“ Dann sagt er plötzlich: „Was mir aber in den letzten Monaten aufgefallen ist: Es kommen viel mehr Kunden zu mir, um Sterbegeldversicherungen abzuschließen. In einer Woche habe ich so viele verkauft wie normalerweise im ganzen Monat.“ Die meisten dieser Kunden seien um die 40. „Sie wollen ihre Kinder für später entlasten. „Ab fünf Euro im Monat ist man dabei…“, sagt er und zeigt auf den Prospekt mit der Liste von Sterbegeldbeiträgen, die nach Alter und Geschlecht gestaffelt sind. Dann geht er vom Büro in den Verkaufsraum mit den Särgen und Urnen. Dort ist ein riesengroßes Porträtfoto auf einem Holzständer aufgestellt und Blumen stehen nebendran. „Das ist ein Beispiel für unsere pietätvolle Trauerdekoration, für die haben wir schon viel Lob bekommen“, so Koriath. „Ich kann nicht über die Wirtschaftskrise klagen. Mein Geschäft läuft jedes Jahr besser, weil wir weiterempfohlen werden.“

Der DJ

DJ Ata ist zum Idealisten erzogen worden. „Meine Mutter hat mir beigebracht: Im Leben geht es nicht darum, Geld zu haben“, sagt der 40-Jährige und lacht. Seinen Bauchansatz versteckt er unter einem schwarzen Bach-T-Shirt. Wenn er Scheine ausgibt, dann für gutes Essen und einen schicken Laptop, erzählt er. „Aber seit 25 Jahren fahre ich denselben Volvo. Ich finde es total irre, dass die Deutschen den Tick haben, sich jedes Jahr ein neues Auto zu kaufen. Das kann ja nicht gut gehen.“
Gut geht dagegen sein Offenbacher Club: Robert Johnson. „Wenn man anfängt beim Spaß also dem Weggehen, zu sparen, dann oje... Dann erst wäre wirklich Wirtschaftskrise.“
Seit drei Jahren gibt DJ Ata keine Programm-Ankündigungen mehr raus. „Ich wollte, dass die Leute wegen der Musik und nicht wegen bestimmter DJs kommen“, betont DJ Ata, der auch für Gigs in Japan gebucht wird. Das Resultat: Alle Abende sind gut frequentiert, die der angesagten, renommierten, aber auch der lokalen DJs. Die Besucher des Clubs sind zwischen 18 bis 35 Jahre alt. Der Eintritt liegt bei zehn Euro, also im Clubpreis-Durchschnitt des Rhein-Main-Gebiets. „Das Robert Johnson“, wie der Club unter seinen nicht nur aus der Region kommenden Jüngern heißt, feiert im Juni zehnten Geburtstag. Es zählt zu den Top Ten der House-Clubs weltweit: Und so reist das Partyvolk selbst aus der Schweiz, Italien oder England nach Offenbach an. „Zwei Jahre Anlaufzeit hat es gebraucht, bis der Club funktioniert hat." Sein Erfolg sei kein Zufall. „Es ging mir nie darum einen Club zu haben, um Bier zu verkaufen, sondern um Musik zu spielen.“ Ein bisschen erinnert das Robert Johnson an das Check-In an Flughäfen: Nicht viel Lichttechnik und eine unauffällige Bar. Sein Glücksrezept für frustrierte Offenbacher: „Sich nicht vollballern lassen mit negativen Nachrichten, sondern auch mal Dinge tun, die Spaß machen“. Ob Tanzen oder Yoga, das sei jedem selbst überlassen.

Der Metzger

Obermeister der Fleischerinnung, Jürgen Nussbaumer.

Im Raum hinter der Fleischtheke schmieren die Verkäuferinnen schon die Brötchen für die Mittagszeit. Das Faxgerät piepst und Jürgen Nußbaumer (41) zieht eine Bestellung aus dem Gerät: „Ein Buffet für 40 Leute“, sagt er. Er drückt auf die Kaffeemaschine. Er muss wach sein, denn viel Ruhe hat er eigentlich nie in seiner Sechs-Tage-Woche. Die Metzgerei hat sein Großvater vor 75 Jahren gegründet. Acht Angestellte und einen Lehrling zählt der Betrieb heute.
„Die fetten Jahren sind auch in der Metzgerei-Branche schon lange vorbei. Die war in den 60/70er Jahren. Früher gab es an jeder Ecke eine Metzgerei. Heute gibt es ja auch Frischfleisch in den Supermärkten“, erzählt Nußbaumer. Trotzdem geht es ihm nicht schlecht. „Die Leute kaufen weniger, aber bewusster ein. Sie achten mehr auf Qualität. Essen soll nicht allein satt, sondern vor allen Dingen Spaß machen.“
Sein Großvater vertrat noch die These: „Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel.“ Als solcher fühlt sich der Nachfolger nicht und entspricht auch persönlich eher dem Körperideal der Kunden, die im Urlaub in Bikini und Badehose beeindrucken möchten.
„Geflügelwurst gab es früher gar nicht bei uns. Wir haben uns mit der Zeit an die Bedürfnisse angepasst.“ Aber auch Nußbaumers freundliches Wesen verschafft ihm einen Stamm guter Kunden. „Viele genießen es, persönlich mit Namen angesprochen zu werden, und ich gebe gerne Tipps zur Zubereitung. Sie freuen sich besonders, wenn sie dank des Ratschlags gut bei den Gästen ankommen.“ Mittags holen sich die Schüler „ihr Gelbwurstbrötchen“: 150 Stück am Tag gehen weg. Auch einen Mittagstisch und eine Grilltheke gibt es seit 2003. Und der Partyservice gehört dazu. „Mein Großvater hätte nie gedacht, dass es irgendwann ganz normal sein wird, sonntags Aufschnittplatten anzuliefern“, sagt Jürgen Nußbaumer und lacht. Dann steigt er in seinen Minibus. Platten ausliefern.

Die Star-Friseurin

Salon Martina Acht Offenbach.

Ihr Friseursalon in der Ludwigstraße erinnert ein bisschen ans Versailler Schloss. Viel Gold, Marmor und schmucke Kronleuchter. Es ist kurz nach 18 Uhr und Martina Acht ist im zweiten Stock des Prunks-Salons und föhnt eine Kundin noch ausgeh-fein fertig. Acht, die einst Angela Merkel zur Kanzlerin frisierte, selbst strahlt trotz langem Arbeitstags wie eine Zahnarztfrau in der Fernsehwerbung. Ihre Mutter empfängt die Kunden. Acht: „Wenn man von seinem Beruf begeistert ist, spüren das die Leute einfach.“ Sie ergänzt: „Ich bin ein optimistisches Huhn.“
Von der Wirtschaftskrise habe sie bislang nichts zu spüren bekommen. „Aber wenn ich abends in die Nachrichten reinschaue, mache ich mir schon Gedanken: Soll ich nun ein neues Rückwärtswaschbecken kaufen oder nicht?“
Bislang hat sie es nicht gekauft.
„Seit September 2008 weiß ich schon, dass viele meiner Kundinnen statt alle zwei Monate nun alle vier Monate kommen.“ Bei Acht gibt es auch Teenie-Preise. „Und die Omas spendieren zudem ihren Enkeln gerne eine schöne Frisur.“ Natürlich bringe ihr der Promi-Bonus (Merkel, Medlock) ein Vorteil. Diejenigen, die beim Zehn-Euro-Friseur „fremdgegangen“ seien, bereuten es aber schnell, wenn die Haare einfach nicht sitzen. Lieber sparten sie bei den Klamotten als bei der Frisur. „Eine neue Hose trage ich nur ab und zu. Meinen Kopf sehe ich aber jeden Tag, sagen meine Kundinnen“, erzählt Acht. Sechs Mitarbeiterinnen helfen ihr. Schwierig sei es, gute Angestellte zu finden, klagt sie. Gerne würde sie mehr Lehrlinge einstellen, aber auch hier mangele es vielen Bewerbern an Motivation und Talent.
„Dabei ist Friseur so ein schöner Beruf.“ Damals sagte sie Kanzlerkandidatin Angela Merkel „Wenn Sie Kanzlerin werden wollen, dann brauchen Sie eine neue Frisur.“ Schöne Haare können so betrachtet, eine Investition in die Karriere sein.

Der Geschmacks-Werber

Günther Nessel verdient sein Geld ausschließlich mit Essen und Trinken. Dabei ist der gebürtige Offenbacher weder Gastronom, Restauranttester, noch ein Aldi-Bruder. Er macht Werbung und zwar ausschließlich für Speis und Trank. Deshalb hat er seiner Werbeagentur, die im Offenbacher Westend in einem eleganten dreistöckigem Altbau residiert, auch den passenden Namen „Taste! Food & Beverage“ gegeben. Übersetzt heißt das ganze Geschmack! Essen & Trinken.
„In der Werbebranche sind wir mit unserer Spezialisierung eine absolute Ausnahme“, sagt der 53-Jährige stolz. „Die meisten Werbeagenturen bewerben alles: von der Damenstrumpfhose bis zum Autoreifen. Wir konzentrieren uns wirklich nur aufs Essen und Trinken." Damit hat sich Nessel, der 1992 mit sechs Mitarbeitern und vier Kunden (drei Brauereien, ein Mineralbrunnen) in Neu-Isenburg anfing, sich Platz 73 von Deutschlands 200 Top-Werbeagenturen gesichert. Die Wirtschaftskrise ist an Taste! vorbeigezogen.
„Gegessen und getrunken wird immer“, sagt Nessel und lacht. „Viele Kunden kommen genau dann zu uns, wenn es mit ihrem Produkt abwärts geht, dann suchen sie Hilfe bei uns.“ Im Schnitt verweilen die Kunden fünf bis sechs Jahre. Im Normalfall wechseln Kunden ihre Werbeagentur schon nach drei Jahren. Zwei Milliarden Euro werden in Deutschland pro Jahr allein für klassische Werbung (Print, Fernsehen und Radio) im Bereich Essen und Trinken ausgegeben. 20 000 neue Produkte kommen jährlich auf den Markt. Nur 20 Prozent sind drei Monate später noch da. „Es ist der am härtesten umkämpfte Markt. Und natürlich wachsen auch bei uns keine Bäume in den Himmel.“ Tastes Spezialisierung hat Nessel viele Aufträge (von Rotbäckchen-Saft, dem Alkopop Mixery zu Em-Eukal-Bonbons ) eingebracht: Mittlerweile läuft die Agentur so gut, dass 43 Mitarbeiter dort arbeiten. Einige kümmern sich auch um Packungsdesign.
„Allein 2008 haben wir vier neue Mitarbeiter eingestellt.“ Da freut Nessel sich wie das „Rotbäckchen“ über beide Wangen.

Der Schönmacher

Care Station, Jürgen Anfang mit dem neuen Cello-lite-Gerät.

Jürgen Anfang ist genervt von der miesen Stimmungs-Macherei. „Mit dem echten Leben hat die Schwarzmalerei, die in der Politik und der Medienwelt in puncto Wirtschaftskrise betrieben wird, nicht viel zu tun“, sagt der 45-Jährige. „Wir hier im Rhein-Main-Gebiet leben doch auf einer Insel der Glückseligkeit“. Mit seinem Kosmetik-Institut Care Station auf der Frankfurter Straße lebt er auf der Insel der Schönen. Für straffe Pfirsich-Haut wird geblecht, statt gespart.
Seit 17 Jahren verschönert er mit Geschäftspartner Hans-Dieter Nettusch Männlein wie Weiblein: Dazu zählt nicht nur die Enthaarung für streichelglatte Damen-Beine und Männerbrüste, sondern auch das Paraffin-Bad für zarte Hände und der Wellness-Salat für den kleinen Hunger zwischendurch. Der meist verschenkte Gutschein ist der Schönheitstag Nummer 2, der beinhaltet ein Thalasso-Sprudelbad. „Der Standort Offenbach ist nicht unbedingt einfach für das Luxussegment. Wir ziehen sehr stark Individualisten aus der Umgebung an“, erzählt Anfang.
Zu Jahresbeginn haben sich die Care-Station-Besitzer gleich mal ein Lipomassage-Gerät - das gegen Cellulite und Narben helfen soll - angeschafft. „Zweieinhalb Jahren haben wir uns das Gerät ausgeliehen, aber es wurde so gut angenommen, dass wir uns jetzt selbst eins geleistet haben“, erzählt Anfang. Der Preis fürs Gerät liegt bei „einem schönen Mittelklasseauto“.
„Man darf sich nicht von der Depression anstecken lassen, sondern muss auch investieren und für Neuerungen offen sein“, sagt Anfang. Gerade kommt er aus einem USA-Urlaub zurück: „Von der positiven Lebenseinstellung der Amis sollten wir uns anstecken lassen. Also, bloß nicht die Flügel hängen lasse, sondern sich lieber fragen, was kann ich tun, damit es wieder nach oben geht.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare