Hochschule für Gestaltung

Kritischer Blick zurück

Offenbach - Jahrzehntelang war die Offenbacher Hochschule für Gestaltung allein an Gegenwart und Zukunft orientiert. Jetzt ist ihr bewusst geworden, dass sie auch eine Vergangenheit hat. Wobei allerdings zunächst nur die kurze Phase des Nationalsozialismus betrachtet wird. Von Lothar R. Braun 

Mit ihr befasst sich seit dem vergangenen Wintersemester eine Arbeitsgruppe, die sich „dem Erinnern an Verstrickungen“ verschrieben hat. Auf Verstrickungen werden zunächst die Biografien des Langzeit-Direktors Hugo Eberhardt, des Schriftgestalters Rudolf Koch und des Mäzens Karl Klingspor untersucht. Drei Ikonen der Stadtgeschichte werden damit Gegenstand kritischer Überprüfung.

In der ehemaligen Kapelle des Isenburger Schlosses begann die Vergangenheitsaufarbeitung mit einem Vortragsabend. Dr. Stefanie Endlich aus Berlin nahm die Gedenkstätten an die Bücherverbrennungen im Frühjahr 1933 zum Ausgangspunkt eines Streifzugs durch die jüngere deutsche Gedenkkultur. Klaus Schellbach aus Leipzig betrachtete den „Wert einer konzeptionellen Kunstpraxis für Orte mit sozialem Gedächtnis“. Beide Vorträge wurden als Vorarbeit für ein Denkmal zur Geschichte der HfG während des Nationalsozialismus verstanden.

In Offenbach loderte der Scheiterhaufen für unerwünschte Literatur zwischen dem Schloss und Eberhardts Technischen Lehranstalten. Das Institut erhielt 1939 seltsamerweise den Namen „Meisterschule des Deutschen Handwerks“, obwohl es auch danach keineswegs Handwerksmeister schulte. Aber in ihr sieht die heutige HfG „ein Paradebeispiel nationalsozialistischer Kulturpolitik“. In den Universitätsstädten waren es Studenten, die zuerst am 10. Mai 1933 reichsweit die Feuer entfachten, in denen Endlich einen „Tiefpunkt der deutschen Universitätsgeschichte“ erkennt. In Offenbach übernahm das mit Verzögerung ein „Kampfbund für deutsche Kultur“. Erst in den 1980er Jahren sind in vielen Städten Erinnerungsmale entstanden, vielfach durch das Begehren von Bürgerinitiativen. Ein Beispiel, das die meisten Berlin-Touristen kennen, ist auf dem Opernplatz zu sehen: Der Betrachter blickt in eine unterirdische Bibliothek mit leeren Regalen.

Rundgang durch die Hochschule

Rundgang durch die Hochschule für Gestaltung

Die Besucher in der Schlosskapelle sahen eingängige und erklärungsbedürftige Beispiele solcher Erinnerungsstätten, verstörende Denkanstöße, bildhafte und auch vergeistigte Ansätze: Für das Gestalten von Erinnerung gibt es so wenig Grenzen wie für das Denken oder aber die Brutalität des Gedankenlosen.Nun also sucht auch die Offenbacher Hochschule für Gestaltung eine ihr gemäße Form der mahnenden Erinnerung an die braune Zeit. In die Diskussion darüber trägt sie einen Rucksack, von dem noch niemand weiß, was er enthält. Daher sind weitere Vorträge bereits angekündigt. Sicher auch über Hugo Eberhardt, Karl Klingspor und Rudolf Koch.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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