Künstlerin Anne Imhof legt 2017 eine Blitzkarriere hin

Von der HfG zum internationalen Shootingstar

Coole Pose: Anne Imhof studierte an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung und jobbte daneben als Türsteherin im Technoklub „Robert Johnson“, wo sie Gelegenheit hatte, die Clubkultur zu beobachten. Bei der Biennale in Venedig zeigte sie ihre Performance „Faust“ – und räumte damit den Goldenen Löwen ab. J  Foto: Nadine Fraczkowski
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Coole Pose: Anne Imhof studierte an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung und jobbte daneben als Türsteherin im Technoklub „Robert Johnson“, wo sie Gelegenheit hatte, die Clubkultur zu beobachten. Bei der Biennale in Venedig zeigte sie ihre Performance „Faust“ – und räumte damit den Goldenen Löwen ab.

Offenbach - Es war das Jahr von Anne Imhof. Die Wahl-Frankfurterin, die ihre künstlerische Karriere an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung begann, wurde in diesem Jahr bei der Biennale in Venedig mit dem Goldenen Löwen geehrt. In den Rankings von „Monopol“ und „Kunstkompass“ ist die Enddreißigerin ganz oben dabei. Wie gelang dieser kometenhafte Aufstieg? Ein Erklärungsversuch. Von Lisa Berins

Anne Imhof steht in dem kahlen, brutal weißen Pavillon auf der Biennale in Venedig: schwarze Springerstiefel, schwarze Hose, schwarze Haare, langer Mantel – schwarz. Düsterer Blick. Ein Käppi liegt achtlos hingeworfen auf dem Boden neben ihr, in der Hand hält die Künstlerin einen Pappkaffeebecher. Es wirkt, als hätte der Fotograf sie noch vor morgendlichem Arbeitsbeginn überrascht. Ganz so spontan dürfte es nicht gewesen sein, immerhin ist es eins der offiziellen Fotos, die ihre Mitarbeiter an Journalisten verschicken. Anne Imhof – eine Art Neo-Grunge-Lady der Kunstwelt.

Im Mai dieses Jahres hat die Wahl-Frankfurterin im Deutschen Pavillon der Biennale mit ihrer außergewöhnlichen Präsentation überrascht: Hinter Panzerglas bewachten Dobermänner den Eingang, davor bildete sich eine hunderte Meter lange Menschenschlange. Drinnen erwartete die Besucher die eigenartige Performance „Faust“: Menschen, die sich hinter und unter Glasscheiben bewegen, ein befremdliches Spiel mit Eingeschlossensein, Fremd- und Selbstbestimmung. Anne Imhof gibt über das Smartphone Anweisungen. „Die Performer scheinen Codes zu folgen, die sich einer Eindeutigkeit entziehen“, erklärt Susanne Pfeffer, Kuratorin des Deutschen Pavillons.

Sie war es, die Anne Imhof die große Chance gegeben hat, den Deutschen Pavillon zu gestalten – und sich damit einzureihen in eine Liste berühmter Künstler wie Christoph Schlingensief, Joseph Beuys, Georg Baselitz, Gerhard Richter, Isa Genzken, Tobias Rehberger oder Gregor Schneider. Sie alle haben den in der Nazizeit erbauten Pavillon mit ihrer Kunst bespielt. Wer dort ausstellt, der hat’s geschafft. Dass Imhof als eine Art Geheimtipp dann auch noch mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, war die Kunstüberraschung des Jahres. Die Künstlerin hatte ganz offensichtlich einen Nerv der Zeit getroffen. Wie hat sie das geschafft?

Kuratorin des Deutschen Pavillons und neue MMK-Direktorin: Susanne Pfeffer.

Für Pfeffer liegt einer der ausschlaggebenden Punkte in dem „klaren Realismus“ von Imhofs Arbeiten. Er reflektiere sowohl die Gesellschaft als auch das Individuum. „Anne Imhof zeigt auf, wie uns Machtstrukturen aus allen Ebenen durchdringen; im sozialen Verhalten bis hin zum Körper.“ Sie führe vor, wie der Kapitalismus alle Bereiche des Lebens erfasse. „Das ist brutal, und diese Brutalität bildet sich bei Anne Imhof ebenso ab wie die Momente von Widerstand und Freiheit“, sagt die Kuratorin unserer Zeitung. Imhof reagiere auf eine Zeit, in der wir unsere Körper permanent optimierten, in der gemaßregelt oder ausgeschlossen werde, wer das nicht tue. „Die Körper, die wir sehen, sind sportlich, optimiert und modisch, aber ihre Schönheit liegt gerade im Nicht-Konformen und dem Widerständigen“, sagt Pfeffer.

Bevor sich die Kuratorin dazu entschlossen hatte, Anne Imhof im Deutschen Pavillon zu zeigen, hatte sie lange recherchiert, wie sie sagt. Durch ihren eigenwilligen, aktuellen und kritischen Standpunkt habe Imhof überzeugt: „Wir leben in einer Zeit tief greifender Transformationen, des Umbruchs, vergleichbar mit dem der Industrialisierung. Ich glaube, dass wir uns dessen noch nicht völlig bewusst sind. Mir war es wichtig, eine Position zu finden, die darauf mit einer sehr gegenwärtigen Sprache reagiert. ,Faust‘ ist ein Abbild der Gesellschaft.“

Schon fünf Jahre zuvor hatte die Kuratorin ein Auge auf Imhof geworfen – 2012, als Pfeffer die Absolventenausstellung der Städelschule in Frankfurt besuchte. Dort hatte Anne Imhof bei Judith Hopf studiert und für ihre Performance „School Of The Seven Bells“ 2012 den jährlich vergebenen Absolventenpreis bekommen. Eine nicht zu unterschätzende Ehrung. Dennoch: Gibt es neben inhaltlichen vielleicht noch andere Faktoren, die zu Imhofs rasantem Aufstieg geführt haben?

„Anne ist ein außerordentliches Talent, aber das heißt nichts“, sagt Heiner Blum, Professor für experimentelle Raumkonzepte an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG). Bei ihm hatte die damals Anfang Zwanzigjährige ihre künstlerische Karriere begonnen. Blum erinnert sich gern an seine berühmte Studentin – die vor lauter Anfragen seit Beginn des Jahres nicht für ein Gespräch mit unserer Zeitung zu erreichen ist.

Professor für Experimentelle Raumkonzepte an der HfG: Heiner Blum.

Schon zur Bewerbung habe Imhof eine außergewöhnliche, eigenwillige Mappe vorgelegt: Eine Serie von Fotos, Dokumentation einer Performance, die aussah, als sei sie mit Staub bedeckt. „Es war eine extrem starke, existenzielle Arbeit“, erinnert sich Blum. Den Großteil ihres Studiums habe Imhof an der HfG verbracht, nebenbei jobbte die junge Mutter als Türsteherin im Offenbacher Technoklub „Robert Johnson“. Dort habe sie die Gestalten der Szene beobachtet, so Blum. „Ich finde, dass man das auch in den Performances sieht: Wie die Leute sich bewegen, wie sie gucken – diese Art von Coolness ist eine ähnliche, wie man sie in einer Klubumgebung findet.“ Und ihre eigene lässige Unnahbarkeit? Auch sie ist wohl Teil der Inszenierung.

Imhof experimentierte mit Malerei, Installation, Fotografie, Film, Musik und Performance. „Sie hat das eigentlich peinlich besetzte Genre der Performance mit einem sehr eigenen Ansatz verfolgt, mit sehr großer Intensität“, überlegt Blum. „Und da hat sie meines Erachtens an eine Qualität angeknüpft, wie man sie zum Beispiel vom Autorenfilm, etwa von Rainer Werner Fassbinder, kennt.“ Noch wichtiger aber: Imhof habe immer sehr hart gearbeitet, sich selbst gefordert und ständig neue Ziele gesteckt.

Ihre vermeintliche Blitzkarriere sei deshalb auch gar nicht so plötzlich gekommen, wie es derzeit scheinen mag. Seit etwa fünf Jahren ist die Künstlerin international sichtbar; sie hatte eine Ausstellung in der Kunsthalle in Basel, ihre Performances waren im Hamburger Bahnhof in Berlin und im Museum of Modern Art PS1 in New York zu sehen. Ihre erste Einzelausstellung „Parade“ im Jahr 2013 im Frankfurter Portikus habe den Stein ins Rollen gebracht, sagt Blum.

Der Portikus ist Teil der Städelschule und verortet sich in einer international gut sichtbaren, kulturellen Infrastruktur, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in Frankfurt aufgebaut hat. Traditionell engagieren sich dort das betuchte Bürgertum und die Banken für Kultur – und finanzieren zum Beispiel auch Ankäufe im MMK. Das Museum wiederum leistet seinen Beitrag zur Förderung junger Talente von der Städelschule und ist etwa in der Jury für den Städel-Absolventenpreis.

Rundgang durch die Hochschule für Gestaltung

Daneben bewegt sich das Museum in internationalen Netzwerken: Die MMK-Direktoren Udo Kittelmann und Susanne Gaensheimer waren in ihrer Amtszeit unter anderem erfolgreiche Kuratoren des Deutschen Pavillons in Venedig, ihre Ausstellungen wurden mit Goldenen Löwen ausgezeichnet. Die Verbindungen von Frankfurt in die Lagunenstadt scheinen nicht die allerschlechtesten zu sein. Pavillon-Kuratorin Susanne Pfeffer wird im Januar ihren neuen Posten am MMK antreten.

Frankfurt als Startpunkt einer künstlerischen Erfolgsgeschichte – das ist wohl keine so schlechte Wahl. Zumal auch die Konkurrenz im Vergleich zur Kunsthauptstadt Berlin, wo hunderte Künstler ihr Glück versuchen, um einiges geringer sein dürfte. Ist Imhof also einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen? Für Susanne Pfeffer ist das irrelevant: „Ich denke, für gute Kunst gibt es keine Strategie. Wenn ich an manche Künstler denke, die ich gut kenne, würde ich sogar sagen, dass sie schlichtweg das tun, was sie tun müssen. Sie können gar nicht anders, als sich darauf zu konzentrieren.“

Da bleibt offensichtlich auch wenig Zeit für den Fotografen, der einen für die mediale Ewigkeit abbilden will. Oder? Vielleicht ist’s doch weniger Nachlässigkeit als Lässigkeit – hart erarbeitete natürlich.

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