Notizbuch der Woche

Kommentar: Kulissen und Illumination

Zwei Aufdeckungen dieser Woche hätten, wie ein Wiesbadener Stadtsprecher in anderem Zusammenhang formulierte, „präjokusale Würdigung“ verdient. Von Thomas Kirstein

Sprich: Rechtzeitig vor der heißen Fassenachts-Phase in unserer Zeitung erschienen, hätten Büttenredner sie noch bequem in Reim und Versmaß pressen beziehungsweise die Protokoller Lederaniens sie als Beispiele obrigkeitlicher Narrheit anprangern können. Beide Fälle könnten einen zutiefst ernsthaften Menschen dazu bringen, die Stirn in nachdenkliche Falten zu legen und sich der Verzweiflung über die unzulängliche Welt zu ergeben. Sie dürfen aber auch ruhig beschmunzelt und mit einem gedanklichen Tusch versehen werden. Und das ist die weitaus bessere Reaktion. Bummbaaf, hallau.

Die minder gewichtige Posse ist in Offenbachs noch recht frischer Theaterlandschaft angesiedelt: Da schicken die kulturellen Ober-Macher zwei junge Menschen aus, Stücke für die neue Spielzeit zu entdecken; und das Gespann lässt sich gleichermaßen von Überschwang und Unbedarftheit leiten, so dass sich ihnen vor lauter Begeisterung die nahe liegendste Frage gar nicht stellt: Passt das Bühnenbild überhaupt auf die Bühne unseres Capitols? So war einzugestehen, dass wegen zu großer und aufwändiger Kulissen die Hedda Gabler für die Wahlverwandtschaften einspringen müsse. Also Ibsen-Drama statt dramatisiertem Goethe-Roman. Kein wirklicher Beinbruch, nur peinlich. Nun soll man aber nicht nur die ausgeschickten Boten bewitzeln: Offenbachs Theaterdirektoren wäre auch kein Glöckchen von der imaginären Narrenkappe gefallen, wenn sie ihre Außendienst-Gehilfen vorher instruiert oder nachher zu den jeweiligen Bühnenbild-Dimensionen befragt hätten.

Mehr Wirkung auf die Grinsmuskeln, weil ziemlich doof für Offenbachs Verwaltung, übt die großzügige Illumination eines unbebauten Baugebiets aus: Sie wirft zweifelhaftes Licht (!) auf die Zurechnungsfähigkeit im Rathaus; schließlich will nicht einleuchten (!), warum ausgerechnet Offenbach so unterbelichtet (!) ist, die gesetzliche Pflicht, „öffentliche Straßen und Wege, soweit sie für den Verkehr freigegeben sind, nachts zu beleuchten“, auf eine Brachfläche zu beziehen. Verzeihung für wegen Wortspiels notwendiger Beleidigung und Anglizismus vorab erbeten: Aber für ein derartiges Behörden-Highlight (!) muss man schon vor eine der 45 An-den-Eichen-Laternen (!) gelaufen sein.

Dabei gäbe es doch eine ganz einfache Begründung, um das Karnickel-Flutlicht wenigstens an den Stichstraßen abzuschalten: Ist doch dort per Verbotsschild-Zusatz die Zufahrt nur für „Anlieger frei“; und da es dort mangels Häusern keine Anlieger gibt, muss auch niemand reinfahren. Und rumspazieren muss nachts auch keiner.

Auf unserer Internetseite schreibt ein „Nachtwächter“ dazu sehr treffend: „Die Szenerie erinnert an die Zustände im nahen deutschen Osten: Dort waren nach der Wende auch die Schafswiesen beleuchtet.“ Leser Joachim Papendick fragt in einem Brief, warum andere Kommunen straflos nachts das Licht löschen dürfen und bezweifelt eine generelle Beleuchtungspflicht. Der Offenbacher ist beruflich Hessen-Sprecher des Bundes des Steuerzahlers. Das lässt Hoffnung auf nachhaltiger erheiternde Wirkung unseres Berichts schöpfen: Wenn der Streich schon nicht in der Bütt’ zerpflückt wird, dann doch vielleicht - und trotz nur geringer finanzieller Wirkung - im nächsten Verschwendungs-Schwarzbuch der Steuerzahler. Sozusagen „postjokusal enthallauisiert“.

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