Kult um eine dünne Matte

+
Nein, Ramona Lauer lehrt keinen Kampfsport. Aber den Sieg gegen den Stress.

Offenbach - Yoga, habe ich mal gehört, soll entspannen. Soll aber auch auf den Rücken gehen, habe ich gelesen. Ganz Hollywood strömt in die Studios, heißt es. Andererseits sei ja der Hype um Yoga eigentlich schon wieder rum, meinen einige. Von Katharina Skalli

Ich merke: Es ist Zeit, dass ich mir eine eigene Meinung bilde und recherchiere, ob auch Ungeübte noch auf die Matte der körperlichen Erleuchtung aufspringen können. Ort meines Selbstversuchs: das neueröffnete „Samana Yoga–Atelier für Balance und Lebenskraft“ in der Geleitsstraße 68. Großer Name, meine Güte. Aber ist das nun der Himmel auf Erden und der Ort, an dem ich zu mehr Gleichgewicht finde. Oder doch nur Fitness im Hinterhof?.

Meine Reise in die indische philosophische Lehre, die Körper, Geist und Seele in Einklang bringen soll, beginnt mit der ur-irdischen Frage nach dem richtigen Outfit. Bequem soll es sein, hat Ramona Lauer vom Samana-Studio empfohlen. Meine Pyjamas sind bequem und meine ausgewaschenen Kuschel-Hosen für verregnete Sofa-Wochenenden auch. Aber taugen die für eine Stippvisite im Studio? Wird unter Yogis so kritisch geguckt wie auf den Ergometern im Fitnessstudio? Ich wähle die luftige 3/4-Variante, die bisher nie meine Wohnung verlassen hat. Eine Premiere in jeder Hinsicht.

Ich fühle mich wohl und willkommen

Das Atelier bietet seit Juni eine lange Liste Yoga-Varianten. Nun schön, Pre- und Postnatal-Yoga scheiden schon mal aus, ebenso Yoga 50plus und Lunchtime-Yoga. Vor dem „dynamischen und kraftvollen“ Vinyasa-Yoga habe ich Angst. Lieber langsam beginnen, denke ich und entscheide mich nach einem Beratungsgespräch mit Ramona Lauer für „Hatha - traditionelles Yoga für Anfänger und Geübte“.

Im Hinterhof führt eine Treppe ins Studio. Vor der Eingangstür stehen ausnahmslos Damenschuhe, denn bevor es für mich Zeit wird, den Kult um die dünne Matte auszuprobieren, arbeitet Ramona Lauer mit Schwangeren. Der Kurs ist gut besucht und jede Frau, die barfuß zum Ausgang tapst, hat ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. Erste Zeichen von Erleuchtung? Ich fühle mich wohl und willkommen. Ein weißes Regal trennt den Eingangs- vom Übungsbereich. Auf dem Holzboden liegen farbige Matten und in einer Ecke türmen sich ordentlich orientalische Kissen in pink zu einer einladenden Sitzecke. Davor warten Karaffen mit Wasser, Beeren und Minze. Nüsse und getrocknetes Obst laden zum Naschen ein. Auf den Fensterbänken stehen Rosen in zierlichen Glasvasen, auf dem Boden Palmen und Orchideen.

Zu Beginn eine Entspannungsübung

Die Menschen hier sind zwischen 18 und 80. „Wir wollen ein möglichst breites Spektrum abdecken“, sagt Lauer. Wenn man wolle, könne man jeden Tag etwas anderes machen. Auch Senioren sind unter den Kursteilnehmern. Wer sich nicht mehr auf die dünne Matte setzen könne, mache Yoga eben im Sitzen auf einem Stuhl, verrät die 38-Jährige. Außerdem gibt es Hilfsmittel wie Gurte, um die Übungen zu erleichtern. „Man darf es nur nicht übertreiben. Wichtig ist, dass man in seinen Körper hört und die Übungen so macht, wie man sie kann.“ Ich bin erleichtert und schiele nach den Gurten. Doch die Stunde beginnt erst einmal mit einer Entspannungsübung.

Danach wird es ernst und schnell rinnt mir die erste Schweißperle über das Gesicht. Yoga ist nicht einfach eine Folge von Bewegungen, sondern erfordert zumindest von Anfängern Konzentration. Die Chefin sagt uns, wann wir ein- und wann wir ausatmen sollen. Das alleine ist für mich eine Übung. Dazu kommen die verschiedenen Positionen: Der Hund, die Kobra, die Kuh, die Katze, der Berg, der Baum. Mal stehe ich im Vierfüßlerstand und strecke mein Gesäß gen Himmel, mal liege ich auf dem Bauch, stütze meinen Oberkörper mit den Armen ab und recke den Kopf in die Luft. Mir wird warm. Die Bewegungen fühlen sich ungewohnt, aber nicht unangenehm an. Ich dehne Stellen, die sonst nur die Drehung per Bürostuhl kennen und den Griff zum Telefon. Ich bewege Fußzehen, die sonst eingeschlafen in engen Schuhen die Welt verpassen und spüre Kraft in Regionen, die ich für so muskulös wie eine Packung Schokoküsse hielt. Ab und zu kommt Ramona Lauer an meine Matte, um meine Haltung zu korrigieren. Ein leichter Druck von ihr auf meinen Nacken und schon kann ich mich noch ein wenig mehr über meine Schulter nach hinten drehen.

Menschen suchen einen Weg, sich zu entspannen

Der Yoga-Trend sei nicht vorbei, meint die Yoga-Lehrerin erwartungsgemäß. „Die Menschen sind heute noch immer sehr gestresst und suchen einen Weg, sich zu entspannen“, sagt sie. Anders als im Fitnessstudio wird beim Yoga auch entspannt. „Das wirkt Stress entgegen.“ Samana, der Name ihres Studios, das sie gemeinsam mit Manuela Weiß führt, kommt aus dem Sanskrit und bedeutet „erhaltene Lebensenergie“. Die Energie sollen nicht nur ihre Kunden wiederfinden, auch für Ramona Lauer spielt sie eine wichtige Rolle. Als Verlagsmanagerin hatte sie lange Zeit Zwölf-Stunden Tage. „Yoga war damals für mich ein Ausgleich“, erklärt sie. Irgendwann wollte sie mehr wissen, kündigte ihren alten Job und ließ sich in zwei Jahren zur Yoga-Lehrerin ausbilden. In Offenbach fühlt sie sich wohl. Es ist ihr neues Zuhause und auch das Studio passt gut in die Stadt, findet sie., die habe noch Bedarf.

Ich selbst spüre Bedarf nach einer Pause. Auf der Matte wird es immer anstrengender. Den Liegestütz schaffe ich keine Sekunde, aber die anderen Teilnehmer beruhigen mich: „Das kann niemand am Anfang.“ Die Stunde endet mit einer weiteren Entspannungsübung. Nach der Anstrengung kann ich plötzlich viel besser abschalten. Mit geschlossenen Augen liege ich auf der Matte und wundere mich, wo der Lärm der Innenstadt geblieben ist. Dann denke ich nichts mehr. Meine Gedanken fließen seltsamerweise in die Matte unter mir, genauso wie es Ramona ihnen befiehlt. Ich bin erst wieder da, als sie den Gruß an Shiva spricht: „Om mamah Shivaya“. Schöne Grüße auch von mir, will ich sagen, so dankbar bin ich für die neue Erfahrung, von der ich zu dieser Zeit noch nicht weiß, dass sie mir gehörigen Muskelkater einbringen wird. Aber der ist es wert.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare