Von Rotkäppchen bis Halloren

Kultig statt billig: Ostmarken heute

Offenbach - . Sie sind längst im Westen angekommen und auch bei Jüngeren Kult: Ostmarken wie Rotkäppchen-Sekt oder Hasseröder Bier. 25 Jahre nach dem Mauerfall spielt „Ostalgie“ bei den Käufern kaum noch eine Rolle. Von Achim Lederle 

Sogar den Weg ins Museum haben Ostwaren inzwischen geschafft. Ostmarken haben sich auf dem Westmarkt durchgesetzt, nicht weil sie aus dem Osten kommen, sondern weil sei gut sind und das gesamtdeutsche Publikum überzeugen konnten: So das Ergebnis einiger Studien zum Mauerfall-Jubiläum.

Die 40 umsatzstärksten Ostmarken konnten ihren Westanteil an den Einnahmen seit 2007 von 34 auf 42 Prozent steigern, berichtete das Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK laut Nachrichtenagentur dpa in einer Analyse des Verbraucherverhaltens. In den neuen Ländern griffen der Studie zufolge weniger Verbraucher nach den ostdeutschen Marken, so dass seit 2007 insgesamt ein Umsatzverlust von fünf Prozent herausgekommen sei, so die GfK.

Rund die Hälfte der Ostmarken habe ihre Umsätze gesteigert. Zu den Gewinnern gehörten den Angaben zufolger Sachsenland (Molkereiprodukte), Wurzener (Knabberartikel), Halloren (Süßwaren), Riesa (Nudeln) sowie Rotkäppchen-Sekt und Hasseröder Bier.

Junge Leute machen keinen Unterschied

Wie die GfK weiter feststellte, haben sich Ostdeutsche so manche Eigenheiten bis heute erhalten: Sie greifen fast 50 Prozent häufiger zu Schaumbadprodukten als westdeutsche Verbraucher. Auch Weichspüler seien im Osten beliebter als in den alten Bundesländern. Zudem werde im Osten mehr mit Margarine gekocht, im Westen mehr mit Öl. Insgesamt stellt die GfK aber eine weitgehende Annäherung beim Kaufverhalten zwischen Ost und West fest: Alles andere wäre 25 Jahre nach dem Mauerfall auch bedenklich.

Junge Leute machen sowieso keinen Unterschied mehr zwischen West- und Ostprodukten. Der Impuls, altbekannte DDR-Produkte zu kaufen, weil sie aus der Heimat kommen, sei bei der jüngeren Generation bei weitem nicht mehr so ausgeprägt wie bei den ab 40-Jährigen, heißt es laut dpa in einer Studie des Instituts für angewandte Marketing- und Kommunikationsforschung (IMK) in Erfurt. Zu ähnlichen Ergebnissen komme auch eine Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Beratungsunternehmens Zebra I Consult.

Nostalgie spielt fast keine Rolle

Demnach packt laut dpa zwar jeder Zweite der nach 1989 Geborenen gelegentlich Ostprodukte in seinen Einkaufswagen, vor allem wegen der Qualität oder um die heimische Wirtschaft zu stützen. Nostalgie bzw. Ostalgie spiele nur für sieben Prozent eine Rolle.

Auch die IMK-Studie stellt fest, dass Ostprodukte bundesweit im Kommen sind. Sie verweist auf Rotkäppchen als Marktführer bei Sekt in Ost und West, mehrere Biersorten und die Quarkspeise Leckermäulchen.

„Im gesamten Osten - aber weniger im Westen - bekannt sind etwa Bautzner Senf, der Brotaufstrich Nudossi oder das Knusperbrot Filinchen. Grundsätzlich hat sich das Image gewandelt“, heißt es weiter. Ostmarken seien keine Billigmarken mehr, sondern würden wegen ihrer Qualität und ihres etablierten Namens gekauft.

Wer Ostprodukte will, hat nicht nur im Supermarkt die Qual der Wahl: Online haben sich zahlreiche Shops etabliert, die ausschließlich Ostwaren anbieten. Beispiel sind die „Kaufhalle des Ostens“ (in Anspielung an das Kaufhaus des Westens in Berlin, www.kaufhalle-des-ostens.de), der Ossiladen (www.ossiladen.de) oder Ostprodukte-Versand (www.ostprodukte-versand.de).

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Jenseits aller Ostalgie haben Ostprodukte inzwischen auch den Weg ins Museum gefunden. Die größte Sammlung an Ostwaren findet sich überraschenderweise nicht in Leipzig oder Berlin, sondern in Los Angeles: Dort leitet der Historiker Justin Jampol ein „Wendemuseum“, das DDR-Artefakte von Kult-Lebensmitteln über Propaganda-Kitsch und Sporttrikots bis hin zu Plaste-Möbeln ausstellt.

Wie es im „Handelsblatt“ heißt, ist Jampols Wendemuseum „ein Paradebeispiel eines interdisziplinären Ansatzes, der aus der sicheren Distanz von jenseits des Atlantiks Banales neben Spektakuläres stellt“ und „das Große im Kleinen erkennt...“ Pünktlich zum Mauerfall-Jubiläum präsentiert denn auch der Kölner Taschen-Verlag ein 900-seitiges Kompendium namens „Beyond the Wall. Jenseits der Mauer: Kunst und Alltagsgegenstände aus der DDR“, das über 2 500 Stücke der Sammlung Jampol abbildet, von renommierten Historikern beschreiben lässt und stolze 99,99 Euro kostet.

Der Weg der Ostmarken in den vergangenen 25 Jahren ist erstaunlich: Neben alltäglichen Qualitätswaren sind sie heute auch museale Ausstellungsgegenstände und haben damit eine beeindruckende Karriere hinter sich, die so manche Westmarke ziemlich altbacken aussehen lässt.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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