Die Kultur des Kalauerns

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Ohne Gallierhelm, aber mit Köpfchen: Protokollerin Ilse „Hammannix“ hielt in ihrem Rückblick Versmaß.

Bieber ‐ Die inneren Werte einer Fastnachtssitzung offenbaren sich üblicherweise nur dem, der Teil des Trubels ist. Außer bei jenen Narrenbespaßungen, die in Biebers St. Nikolaus-Pfarrsaal über die Bühne gehen. Von Marcus Reinsch

Da lässt sich schon vom Hof aus recht zuverlässig bestimmen, wie es um die Intensität der Volksbelustigung steht. Die Methode ist simpel: Solange man von draußen durch die haushohen Glasflächen die Bütt sehen kann, ist der Abend entweder noch zu jung oder drinnen läuft was schief. Bei der Elfersitzung der Offenbacher 03er am Samstag war Frischluft-Gästen erwartungsgemäß nicht lange Durchblick vergönnt. Nach wenigen Punkten des Programms waren die Fenster auf breiter Front beschlagen. Der Saal dampfte und kondensierte nach Warmschmunzeln und Heißlachen glückselig vor sich hin.

Bilder der 03er-Sitzung

Sitzung der 03er in Bieber

Da hätten die 03er die Heizung eigentlich abdrehen können. Stattdessen drehten sie auf. Und das Publikum - dank der von Trommelgeschützen und Trompetensalven der stadtgardistischen „Icebreaker“ schon gut durchgeglüht - entflammte jedes humoristische Stöckchen, das Sitzungspräsident Stephan Färber nachlegte, in Windeseile. Obgleich manche Nummer tatsächlich etwas hölzern geriet.

Echte Langweiler-Nummern unterdessen hatten die Gäste der Vergnügungsgesellschafter trotz einer ausgeprägten Vorliebe für die Kultur des Kalauerns kaum durchzustehen. In der Kampagne kann das karnevalistische Konto streng genommen nicht dauerhaft in die Miesen rutschen; ein Kracher vermag einen Blindgänger auszugleichen.

Es kam, winkte, grüßte, reimte, prostete, küsste, nahm Orden und gab unter dem Termindruck seiner Sitzungstournee Fersengeld: das Offenbacher Prinzenpaar, Prinzessin Carolin I. und Prinz Matthias II., samt Hofmarschall und OKV-Gefolge.

Streifzug durchs vergangene Jahr

Es kam - und blieb natürlich, weil der Elferrat sonst nur noch ein Zehnerrat gewesen wäre - Protokollerin Ilse Hammann mit ihrem Streifzug durchs vergangene Jahr: Obamas Nobelpreis, Jammerdeutschlands Abwrackprämie, der „pharmazeutische Amoklauf“ Schweinegrippe, der Offenbacher Baustellen-slalom, das peinliche Rumpenheimer Autobad („Es hat auf Sand gebaut, wer seinem Navi blind vertraut“), der Knöllchenterror - und selbstverständlich der Jubilar Asterix. Letzteren deutete Hammann auf Offenbacher Verhältnisse mit den Protagnisten Schneiderix, Weißnix und Simonix mit ihren Verfehlungen um. Hammann: „Gesucht wird jetzt nach Amnesix, sonst wird‘s mit der nächsten Wahl wohl nix“.

Da rauschte erst Beifall durch den Saal, und dann die 03er-Gruppen „Unlimited“ und „Main Dream Team“ mit Rokoko-Gewändern, die von schlaflosen Nächten an der Nähmaschine zeugten und zur „Wie will Rock you“ getauften Choreographie besonders hübsch-hüftlastig wackelten.

Modisch weniger ausladend, aber in ihrer Büttenrede als „Silberbraut“ eine ambitionierte Einladung zur Beschäftigung mit Schädlingen im Keller („Mit Gift un Taschelamp runner in des Rattenland…“): Andrea Geinitz im ersten Solobeitrag ihrer karnevalistischen Karriere. Den hat Karl-Heinz Eitel in seiner optisch zwischen Chaplin und Pantau angesiedelten Zweitexistenz schon lange hinter sich. „Schambes Schlau“ ist - neben dem ebenfalls frenetisch gefeierten „B-b-b-b-b-b-bodo“ (unvergleichlich: Charly Engert) und „Egon“ (Hubert Ball) - der Kalauerkönig, der Prediger der großen Geste. Jede monoton gejaulte Silbe ein Schlenker mit dem Arm, eine Gerade, ein flinker Fuchtler. Und fast jeder Witz ist ein alter Bekannter. Das allerdings in professioneller Verpackung, weshalb das Alter einer Pointe in Bieber nicht Nichtlachen zur Folge hatte, sondern ein zusätzliches, weil vorauseilendes Glucksen.

Männerballett mit Adaption des „Schuh des Manitu“

Ohnehin immer auf der sicheren Seite: ein Männerballett. Wobei „Die Schlabbedabber“ des KV Aufenau mit ihrer Adaption des Bulli Herbig-Films „Der  den Vogel abschossen. Als ebenso beifallswürdig wie die lasziven Lederstrümpfe erwiesen sich Sylvia Nordmann in ihrer Bütten-Rolle als Chefin einer Männer-Schönheitsfarm („Spätestens ab Mitte 20 wernse wie die Butter ranzig“) und - göttlich - Marga Rothbarth als „Donna Toiletta“ mit Hightech-Mietklo („Die Chinesen nennen mich Piss Peng, es riecht halt manchmal bisschen streng“).

Ihre musikalischen Duftmarken, durchaus Gründe zum Durchatmen, setzten auf der Bühne Könner (Udo, Wolfgang & Co.) und Selbstbewusste („Die fünf Jahreszeiten“ der IGBiF). Tänzerische Abrundungen garantierten choreografisch-kreativ „Die ollen Dollen“ und die Showtanzgruppe der Gemaa Tempelsee.

Da hatte Sitzungspräsident Stephan Färber nur wenig schönzufärben. Er leitete souverän bis zum Finale. Gut: Die Umbaupausen, in denen Färber hinter dem geschlossenen Vorhang weiter kommentierte. Das steigerte die Spannung.

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