Kultur statt Leerstand

Kunstkollektiv „untot“ bringt neues Leben in die Innenstadt von Offenbach

Im ersten Stockwerk der Walter-Passage (schwarzes Gebäude Mitte) wird der Verein „untot“ ein Gemeinschaftsatelier und Räume für Kunstprojekte eröffnen.
+
Im ersten Stockwerk der Walter-Passage (schwarzes Gebäude Mitte) in Offenbach wird der Verein „untot“ ein Gemeinschaftsatelier und Räume für Kunstprojekte eröffnen.

Die Ateliergemeinschaft „untot“ will die Innenstadt in Offenbach mit Kunst beleben. Auch die Öffentlichkeit soll etwas vom neuen Projekt haben.

Offenbach - Die Walter-Passage zwischen Frankfurter Straße und Hugenottenplatz ist ein Relikt der Wirtschaftswunderzeit: Entworfen von Fritz Reichard, 1952 bis 1954 errichtet und nach dem Möbelhaus von Ludwig Walter benannt, welches sich hier bis in die 1960er-Jahre befand, geriet sie immer mehr in Vergessenheit, machte sich trotz zentraler Lage Leerstand breit. Nun wird sie kreativ genutzt.

2018 kam neues Leben in Form des Computermuseums Digital Retro Park. Nun folgt eine weitere Neunutzung, welche das Potenzial hat, nicht nur die Passage, sondern das kulturelle Leben der Stadt zu bereichern: Das Kunstkollektiv „untot“ wandelt einen 200 Quadratmeter großen Leerstand im ersten Stock in ein Gemeinschaftsatelier um, in dem es künftig unter anderem öffentliche Ausstellungen und Veranstaltungen geben soll.

Noch gleichen die Räume einer Baustelle. Der Boden muss geschliffen, die Wände gestrichen werden, zum Teil wurden sie abgerissen oder versetzt. Doch die Vorfreude ist bereits zu spüren, als Jana Bleckmann und Leonie Martin, stellvertretend für das rund 30-köpfige Kollektiv, durch ihr künftiges Reich führen. Im März vergangenen Jahres haben die beiden HfG-Absolventinnen und ihre Mitstreiter aus Kunst und Kultur den Verein „Untot“ gegründet mit dem Ziel, sich gemeinschaftlich auszutauschen, gegenseitig zu unterstützen und interdisziplinäre Projekte auf den Weg zu bringen. Einmal wöchentlich gibt es Treffen.

Kunstatelier in Offenbach: „Es fühlt sich bei uns an wie in einer WG“

„Es fühlt sich bei uns an wie in einer WG“, schwärmen die Beiden, wobei auch ihnen die pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen sowie der Umstand, kein festes „Vereins-Zuhause“ zu haben, bisher das Leben erschwerten. „Wir waren in der Kreativetage des City-Centers, aber da dort ein Hotel entstehen soll, müssen wir ausziehen“, erzählt Leonie Martin. So machten sie es sich zur Aufgabe, feste Räume zu finden, die bezahlbar und trotzdem gut erreichbar sind und den vielfältigen Anforderungen der Kunstschaffenden entsprechen. Alles andere als einfach, doch das Kollektiv hatte Glück: „Es hätte nicht besser kommen können. Die Räume und die Lage sind einfach toll. Herr Walter als unser Vermieter ist sehr interessiert an dem, was wir tun, ist uns sogar mit dem Mietpreis entgegen gekommen. Anders hätte es nicht geklappt.“

Die 200 Quadratmeter bestehen aus mehreren Räumen, die künftig als Atelier, Werkstatt oder Tonstudio dienen werden. Herzstück ist ein Plenarraum mit verglaster Front und Blick auf die Frankfurter Straße. „Wir liebäugeln mit der Fassade gegenüber“, erzählt Jana Bleckmann und zeigt auf den Kaufhof mit seiner weißen Vertäfelung. „Darauf könnte man zum Beispiel Filme von lokalen Filmemachern zeigen.“

Kunstkollektiv in Offenbach: „Solidarisches Miteinander wichtig“

Zudem möchte das Kollektiv die Räume auch anderen Kunstschaffenden zur Verfügung stellen, derzeit werden die letzten Plätze vergeben. „Es ist aber kein kommerzielles Co-Working-Space“, betont Leonie Martin. „Es geht hier nicht darum, Geld zu verdienen, wir sind selbst ein gemeinnütziger Verein mit niedrigen Beiträgen. Uns ist das solidarische Miteinander wichtig.“ Solidarisch verlaufen auch die Renovierungsarbeiten: „Alle machen, was sie können. Viele hier sind handwerklich sehr talentiert.“

Und doch ist sie äußerst willkommen, die Prämie in Höhe von 13 000 Euro, die der Verein kürzlich als einer der Sieger des diesjährigen Landeswettbewerbs „Ab in die Mitte! Die Innenstadt-Offensive Hessen“ erhalten hat.

Der Verein „untot“ hat sich in Kooperation mit der städtischen Wirtschaftsförderung Anfang des Jahres beworben und erhielt die Förderung für sein Projekt „Offenbach Labor – für Kultur und Kooperation“. „Die Auszeichnung ist ganz im Sinne unseres Zukunftskonzeptes Innenstadt. Und die Prämierung macht deutlich, auch in einer schweren Zeit wie der Corona-Pandemie zahlt sich Engagement und Mut aus“, freut sich Oberbürgermeister Felix Schwenke.

Offenbach: Atelier soll auch bald für die Öffentlichkeit zugänglich sein

Auch die Öffentlichkeit soll etwas vom neuen Projekt haben: Veranstaltungen, Workshops, Ausstellungen, Vorträge, Filmabende und mehr sind in den Räumen angedacht. Eigentlich sollte es Anfang Juni losgehen mit der Teilnahme am Festival Kunstansichten – doch dieses fällt leider coronabedingt aus. „Wir hoffen aber, uns schon bald nach außen öffnen zu dürfen“, so Jana Bleckmann und Leonie Martin.

Damit endlich neues Leben einkehrt in der Walter-Passage. Sie also „untot“ wird? Was genau der Vereinsname bedeuten soll, verraten die Beiden nicht. „Das lassen wir bewusst rätselhaft“, sagt Leonie Martin und schmunzelt. (Veronika Schade)

Erst kürzlich zog der Künstler und DJ Oskar Offerman nach Offenbach und vollzog einen kuriosen Berufwechsel.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare