Die kulturelle Identität

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Leiter Dr. Jürgen Eichenauer (Mitte) mit Stadtarchivarin Anjali Pujari und Kurator Dr. Marcus Frings.

Offenbach ‐ Nicht nur auf dem fußballverrückten Bieberer Berg tut sich einiges. Aufbruchsstimmung ist auch im Kulturkarree zu verspüren, ganz im Sinne des Oberbürgermeisters und seines obersten Kulturmanagers Dr. Ralph Philipp Ziegler. Von Reinhold Gries

Im Bernardbau, den Horst Schneider bald in Gänze für die Stadt anmieten möchte, arbeitet ein Stockwerk unter Zieglers Leitzentrale zum „Forum Kultur und Sport“ ein weiteres starkes, junges Offenbach-Team an der Zukunftsfähigkeit seines „Hauses der Stadtgeschichte“: Dr. Jürgen Eichenauer als Leiter, Stadtarchivarin Anjali Pujari als Stellvertreterin und nun auch Dr. Marcus Frings als Kurator. Spricht man mit dem menschlich gut harmonierenden Trio über Zukunftspläne, spürt man Aufgeschlossenheit und Sachkompetenz.

Wo die Gebrüder Bernard einst Schnupftabak produzierten, scheint nun eine Denkfabrik zu wirken. In Eichenauers Worten hört sich das so an: „Es geht um die kulturelle Identität unserer Stadt, auch und gerade der Zuwanderer, die schon in der Historie Großes für Offenbach geleistet haben.“ Sammlungsbestände zu den Andrés sprechen dazu ebenso Bände wie die Domizile der Bernards und d´Orvilles an der Herrnstraße. Eichenauer wird konkreter: „Wir bauen eine Sammlungsabteilung für Migration auf, sind offen für jeden, der sich dazu einbringen will.“ So offen, wie Offenbach einst für die Andrés war, ohne die Steindruckerfinder Senefelder nicht den Weg an den Main gefunden hätte. Nicht weit von dessen Stangenpresse fordert der Museumsleiter: „Wir können Altbestände der Senefelder-Sammlung endlich auswerten und die Senefelder-Stiftung einbeziehen, auch bei der Neupräsentation unserer Grafischen Sammlung.“

„Einiges bleibt Übergangslösung“

Dazu schiebt Frings einen Bernardbau-Plan über den Tisch: „Hier oben, in den ehemaligen Räumen der Bildstelle, wird ein Grafik-Studienraum entstehen, daneben Ausstellungsräume für unsere Bestände zur modernen Kunst und die Erich-Martin-Sammlung. Dazu kommen ab 2010 Depoträume für moderne Skulptur, Grafik und Malerei, Kuratoren-Büro und Projekträume.“

Auf Nachfragen zur behindertengerechten Realisierung schränken die Museumsmacher ein: „Alles muss erst auf Machbarkeit und Finanzierbarkeit geprüft werden. Einiges bleibt Übergangslösung.“ „Wir sprechen nur von der ersten Ausbaustufe“, erklärt Eichenauer, „wir wollen unser Depot besser strukturieren und Bestände besser präsentieren und erweitern. Dazu schauen wir auch auf die vorderen großen Räume zur Herrnstraße hin“.

Wo das Ausgleichsamt bald auszieht. „Im Idealfall… mit Unterstützung des Museumsverbandes… mit Hilfe eines Sponsors “, schränken Eichenauer und Frings mehrfach ein, „wir streben nachhaltige strukturelle Veränderungen an. Das muss aber möglich sein, ohne öffentliche Kassen weiter zu belasten.“

Haus der Stadtgeschichte

Wie im Rathaus durchsickert, hat Frings mehr in der Schublade - und seinem OB vorgelegt. Schneider hatte ja auch bei der Eröffnung der „kunstansichten 2009“ ausgerufen: „Wir wollen eine Kunsthalle aufbauen, nicht wahr, Herr Frings?“ Diese könnte Platz im überdachten Innenhof des Bernardbaues finden – eine alte Eichenauer-Idee. Dazu erhält man keine Bestätigung, aber die Team-Aussage: „Den Bedarf für eine Kunsthalle erleben wir im täglichen Betrieb.“

„Konkreter ist“, schneidet Eichenauer ab, „dass 2010 hier eine Druckerwerkstatt eingerichtet werden soll, in Zusammenarbeit mit Offenbachs Graphischer Werkstatt für Technik und Kunst in der Geleitsstraße. In diesem lebendigen Museum können 20 Maschinen zu uns kommen, welche die Möglichkeit eröffnen, Offenbachs Industriegeschichte anschaulicher zu machen. Genaue Termine gibt es noch nicht.“

Eichenauer wechselt das Thema: „Hier geht es erst einmal um unser Programm 2010. Da sind fast 80 Veranstaltungen mit zehn Ausstellungen zu bewältigen, mit wenig Geld und viel ehrenamtlicher Arbeit.“

Das ist das Stichwort für Stadtarchivarin Pujari: „Neben den Kernaufgaben und dem Ausbau der Datenbank habe ich mit meinen Mitarbeitern einiges vor. Mit dem Sportbüro und Potsdam bereiten wir eine Ausstellung zum 100. Geburtstag der legendären Offenbacher Fecht-Olympiasiegerin Helene Mayer („Die blonde He“…) im Rathaus vor. Mit dem Klingspormuseum und Worms gibt es 2011 eine Kooperation zum 50. Todestag des Kulturmäzens Siegfried Guggenheim. Man muss sich öffnen, dann kommt die Welt nach Offenbach. Das zeigen hohe Benutzerzahlen und viele Kontakte mit Nachfahren emigrierter Offenbacher aus den USA, Kanada und Brasilien.“

Aber auch hier bleibt die leidige Frage nach der Finanzierung. Gefragt sind tragfähige Kompromisse und Konzepte zum erweiterten „Haus der Stadtgeschichte“, die das Stadtparlament überzeugen. Hinter der Vision eines Kulturzentrums im Bernardbau samt Kunsthalle und attraktiven Sammlungsabteilungen steht die Frage: Wie viel Kultur kann sich die „Kulturstadt Offenbach“ (O-Ton Ziegler) überhaupt leisten?

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