Kulturelle Vielfalt als besondere Herausforderung

Offenbach - In deutschen Großstädten stammt fast jedes zweite Kind aus einer Zuwandererfamilie. In Offenbach sind es noch viel mehr. So ist die kulturelle Vielfalt in Offenbach besonders groß, ebenso jedoch auch die Herausforderungen bei der Integrationspolitik.

Die Kinder in Offenbach kommen aus rund 150 Nationen. In vielen Kindergärten und Grundschulen der hessischen 120.000-Einwohner-Stadt stammen längst mehr als 90 Prozent der Jungen und Mädchen aus Zuwandererfamilien. „Mein Ziel ist, dass wir irgendwann von internationalen Kitas und Grundschulen sprechen und nicht mehr von Einrichtungen mit hohem Migrantenanteil“, gibt Bürgermeisterin Birgit Simon (Grüne) die Richtschnur der ehrgeizigen Integrationspolitik in der verarmten Großstadt vor.

Die Fachwelt ist sich einig: Um den rund vier Millionen Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien in Deutschland gerecht zu werden, muss das Bildungssystem umgestellt werden. Die Offenbacher haben sich dafür Hilfe aus der Schweiz geholt: Mit Wissenschaftlern aus dem Nachbarland haben sie in allen Kitas Sprachförderprogramme eingeführt und bauen die Einrichtungen zu frühkindlichen Bildungsstätten um. „Nur mehr Vorlesen oder mit den Kindern mehr Reden reicht nicht“, sagt Simon. Die Quote der Dreijährigen, die in den Kindergarten gehen, sei innerhalb von acht Jahren von 75 auf 97 Prozent gesteigert worden.

„Kultur der Anerkennung“ gefordert

Ein wichtiger Schritt, denn Kinder mit ausländischen Wurzeln seien bei den Bildungsverlierern noch überrepräsentiert, betont der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis. Weil das Bildungssystem, lange nur auf deutsche Schüler zugeschnitten war, stehe es vor einer der größten Herausforderungen seiner Geschichte. Der renommierte Fachmann fordert eine „Kultur der Anerkennung“, die die Unterschiedlichkeit bejahe und nutze. „Die Familien dieser Kinder müssen stärker in das Bildungssystem eingebunden werden.“ Deswegen besuchen in Offenbach speziell ausgebildete Lotsen Zuwandererfamilien mit ganz kleinen Kindern und machen sie etwa mit Spielzeug vertraut. Elternnetzwerke werden geknüpft, und Simon entwickelt zusammen mit Migrantenvereinen und Imamen Förderprogramme zur Integration.

An gut der Hälfte der Grundschulen gibt es Ganztagsklassen. Die Nachfrage sei sogar noch höher, aber nicht alle Schulen wollten mitmachen. Wegen der neuen Anforderungen müsse auch die Ausbildung von Erziehern und Lehrern reformiert werden, ist sich Fthenakis mit der Erziehungswissenschaftlerin Yasemin Karakasoglu einig. Das Mitglied des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) fordert: „Die Schulen müssen sich darauf einstellen, dass Kinder, deren Muttersprache nicht deutsch ist, der Normalfall sind.“ Die Wissenschaftlerin der Uni Bremen plädiert auch für „eine interkulturelle Öffnung“ der Schulen. „Nicht die Kinder haben sich an die Schule, sondern die Schule hat sich an die Kinder anzupassen.“ Wenn soziale Benachteiligung noch dazu komme, müssten die Schulen nachmittags qualitativ hochwertige Bildungsangebote machen. Zu den notwendigen Reformen gehöre auch die sprachliche Bildung, sie müsse die natürliche Mehrsprachigkeit der Schüler kontinuierlich berücksichtigen, verlangt Karakasoglu.

Sprache als Integrationsschlüssel

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Stephan Articus, betont: „Der Schlüssel für gelingende Integration liegt darin, dass Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund möglichst früh gut Deutsch lernen - auf jeden Fall vor der Einschulung.“ Einig sind sich die Fachleute auch, dass in Deutschland mehr Geld in die Bildung gesteckt werden muss. „Von 36 Industrieländern stehen wir nur an 30. Stelle“, mahnt Fthenakis mit Blick auf die jüngste OECD-Studie. Und der Präsident des Deutschen Kinderschutzbunds, Heinz Hilgers, bemängelt: „Als einziges entwickeltes Land haben wir eine Kinderförderung, die den Reichen viel mehr gibt als den Armen.“

dpa

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