Kulturkreis mit vier Ecken

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Bananenkisten zählen zur Standardmöblierung jedes Flohmarkts. Ansonsten aber unterscheidet sich das monatliche Gewusel auf dem Ringcenter-Parkplatz deutlich vom landläufigen Bild einer Schnäppchenjagd.

Offenbach - „Billigbilligbilligbillig!“ Aus diesem Mann und seinem Organ könnte überall was werden. Gegen sein atemloses Gebrüll wären all die Profi-Schreihälse auf dem Hamburger Fischmarkt nur akustische Statisten. Von Marcus Reinsch

Auf dem Frankfurter Börsenparkett würde er mit seinem fordernden „Kommkommkommbilliger!“ die Gilde der Aktienhändler richtig aufmischen. Und wer weiß, vielleicht qualifiziert ihn dieses vollmundige „Besserbesserbesserbillig“ ja eines Tages sogar für eine laute, schnelle Karriere in der Berliner Politik. Haben mit dieser Gabe schon andere geschafft.

Aber der freundliche Mann hat längst gewählt. Er ist der Händler, den Besucher des Flohmarktes auf dem Offenbacher Ringcenter-Parkplatz schon hören, wenn sie es noch gar nicht bis aufs Gelände geschafft haben. Das „Billigbilligbillig“ erhebt sich über das Parkdeck des Einkaufszentrums und in die seitlich verlaufende Senefelderstraße wie ein zerfetzter fliegender Teppich.

Wer der Mensch mit dieser Stimme ist, wie er heißt, ob er jemals Luft holt, das ist nicht in Erfahrung zu bringen. Keine Chance, an ihn heranzukommen, ohne einen Ballen Stoff zu kaufen oder fünf. „Kommkommkommkommkomm“, das Lärmen und Locken funktioniert prima, der Mann predigt Preise, die Kunden strömen.

Klar wird: Da beherrscht ein Vertreter des Kulturkreises, der in Offenbach einmal im Monat die viereckige Form des Ringcenter-Areals annimmt, sein Handwerk. Der Flohmarkt ist kein Flohmarkt im landläufigen Sinne. Er ist ein Basar mit vielen Attributen orientalischer Traditionen; Verwunderung über die hohe Quote nahöstlicher Beschicker und Besucher wäre folgerichtig naiv. Viel Schimpf und Schande über die monatliche Völkerwanderung gibt es trotzdem. Regelmäßig fassen einige ältere, nicht zwangsläufig reifere Semester ihre Empörung über „die Kopftuch-Fraktion“ öffentlich in Worte.

Andere haben echten Grund, immer wieder auf die Pauke zu hauen: Die Basar-Klientel strömt aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet, und entweder ist die Parkplatzsituation bescheiden oder der Wille der Kunden, vor der Suche nach Schnäppchen die Suche nach einem legalen Parkplatz zu bewältigen. Oder beides. Mancher Anwohner der benachbarten Straßen jedenfalls ist schlicht verzweifelt und würde dem Trubel davon fahren - wenn seine Einfahrt oder Garage nicht immer von Autos zugestellt wäre.

Polizei und Ordnungsamt versuchen, das Problem irgendwie in den Griff zu bekommen. Die Flohmarktmacher vom „Weiß Veranstaltungs-Service“ in Kelkheim, erklären Marktleiter Thomas Ramp und sein Stellvertreter Michael Bongers, seien immer schon vor Sonnenaufgang unterwegs, um das Umfeld mit Pylonen und Flatterband abzusperren. Mittlerweile sei vom Toom-Markt eine weitere Parkfläche angemietet. Und seit Mai pendele ein Bus alle 20 Minuten kostenlos zwischen dem Nassen Dreieck gegenüber der Stadthalle und dem Ringcenter.

Von einer entspannten Lage, das zeigt der Blick in die benachbarten Wohngebiete, kann trotzdem keine Rede sein. Ramp verweist auf Sicherheitspersonal und Parkplatzwächter. Sie sorgten dafür, dass nicht mehr Autos die Einfahrten passieren, als das Gelände verkraften kann. Und sie stellten sicher, dass der Rettungswagen schnell durchkommt, wenn er mal gebraucht wird.

Den allergrößten Teil des Ringcenter-Parkplatzes beanspruchen die Händler für ihre Stände. 300 und mehr sind es jeden Monat. Ein Großteil verkauft Neuware oder Dinge, die so aussehen. Hier herrscht quasi ewiger Sommerschlussverkauf, hier gibt es die Restposten, die woanders nicht mal spottbillig an den Mann zu bringen waren.

Es gibt Gürtel, Modelle Tussi und Prolet, dafür aber nur drei Euro das Stück. Es gibt Klamotten, die von einer modischen Parallelgesellschaft zeugen. Wasserhähne, Pfannen, Computerteile, Handys, Schuhe und Schlappen in bizarren Farben, gigantische Koffer („Kriegste einen Smart rein!“), CDs, DVDs und Wühltische, an denen jeder Artikel einen, zwei, vier Euro kostet. Dazwischen: Schokoriegel, frisches Gemüse, Kosmetik aus Rosen. Und mit dem Stoffballen- und Gardinenbestand könnte der Künstler Christo ganz Offenbach einpacken. Eine Glitzerorgie. Allein: Wer keine falschen Erwartungen hat, wird auch nicht enttäuscht.

Echte Trödler machen sich rar, viele seien im Urlaub, sagt Bongers. Ein paar Kinder haben ihre Konsolenspiele auf Decken ausgebreitet; von ihnen nimmt der Veranstalter keine Standgebühr. Dachbodenfunde? Vor einem Stand steht eine schöne alte Nähmaschine. Ohne gusseisernes Gestell, aber mit Holzkasten. „Veritas“ steht drauf, „Wahrheit“.

Die Wahrheit ist, dass einen Schatz zu heben auf diesem Flohmarkt nicht bedeutet, etwas zu ergattern, dessen wahren Wert der Verkäufer nicht erkannt hat. Die Kunst hier ist, dem Verkäufer seinen Gewinn aufs Minimum zu feilschen. Und das ist nicht einfach. Der Marktschreier beispielsweise passt Aussage und Lautstärke seiner Worte im Sekundenbruchteil an die Preisvorstellung einer Interessentin an: „Neinneinnein“, flüstert er.

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