Kunst in der Ausnüchterungszelle und Deutscher Fotobuchpreis

Erster HfG-Rundgang in Offenbach seit der Pandemie führt an besonderen Ort

Halbkugeln mit Antennen kämpfen in einer Installation von Barnabas Vollmar mit der Schwerkraft – und werden so zum Leben erweckt.
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Halbkugeln mit Antennen kämpfen in einer Installation von Barnabas Vollmar mit der Schwerkraft – und werden so zum Leben erweckt.

Kunst in der Ausnüchterungszelle und Deutscher Fotobuchpreis: Der erste Rundgang an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach seit der Pandemie zeigt, womit sich die Studierenden in der Zeit des Distanzunterrichts auseinandergesetzt haben - und er führt an einen besonderen Ort.

Offenbach – Holzverkleidetes Kantinen-Ambiente, eine kalte Blechfront teilt den Servier-Bereich ab. Wo Polizistinnen und Polizisten jahrzehntelang Eintöpfe, Würstchen und Pommes über die Theke gereicht wurden, hallt kurz vor Beginn des 23. Rundgangs der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) ein sanfter Saxofonton aus, um einer melancholischen Frauenstimme Platz zu machen. Die Studierenden-Gruppe Das Band in der Hecke probt für eines ihrer Konzerte am Wochenende.

Vom Freitag, 29. Oktober bis Sonntag, 31. Oktober, bricht die Hochschule für Gestaltung in Offenbach aus ihrem Corona-Modus aus und präsentiert unter dem Motto „Hands On!“ eine enorme Menge an künstlerischen Positionen. Anderthalb Jahre pandemiebedingte Online-Lehre bedeuteten keineswegs Stillstand, im Gegenteil: Die vom Sommer auf den Herbst verlegte Ausstellung der etwa 700 Studierenden macht deutlich, dass sich einiges angestaut hat.

HfG Offenbach präsentiert Werke im ehemaligen Polizeipräsidium

Praktischerweise gibt’s mehr Platz für die Präsentation denn je: Neben dem Hauptcampus am Isenburger Schloss und der Zollamt Galerie wird auch das ehemalige, nun leer stehende Polizeipräsidium Südosthessen an der Geleitsstraße mit Werken der Studierenden bespielt. „Für jede und jeden haben wir im Grunde einen eigenen Raum“, sagt Heiner Blum. „Das gab’s noch nie.“

Nichts hätten die Beamtinnen und Beamten beim Auszug liegen gelassen, sagt der Professor für experimentelle Raumkonzepte. Alles picobello, blitzblank. Jede Ecke des Gebäudes, das im kommenden Jahr abgerissen werden soll, wird künstlerisch upgegradet: die Tiefgarage, die Ausnüchterungszelle, die Verhörräume.

Infos für Besucherinnen und Besucher

Der 23. HfG-Rundgang startet am 29.10.2021 um 18 Uhr mit der Verleihung von zehn Rundgangspreisen in der Aula. Ausstellungsorte sind der HfG-Campus an der Schlossstraße 31, das PRÄSIDIUM, Geleitsstraße 124 und die Zollamt Galerie, Frankfurter Str. 91. Es gilt die 3G-Regelung. Vollständiges Programm mit allen Performances und weiteren Veranstaltungen auf der Website der Hochschule.

Als klar war, dass an diesem Ort ausgestellt werden soll, hatte es zunächst Proteste von Studierenden gegeben: Das Präsidium war wegen verfehlter Notrufannahmen während des Attentats von Hanau in die Kritik geraten. „Dies ist kein neutraler Ort“, mahnt eine etwa 30-köpfige Arbeitsgemeinschaft mit Aufklebern; es wird kritische Interventionen und Diskussionen geben.

Einige Studierende haben das Gebäude als Anlass für eine künstlerische Auseinandersetzung genutzt und den Boden dekonstruiert, um die darunterliegende Daten-Infrastruktur bestehend aus Schrauben und undefinierbaren Versatzstücken herauszunehmen und auszustellen. Joschua Yesni Arnaut hat die gelbe Verkleidung der Heizkörper zu einem monochromen Bild zusammengefügt. Im „Büro 39“ inszeniert eine Gruppe Studierender des Lehrgebiets Bühnenbild nach kleinteiliger Recherchearbeit ein mögliches ehemaliges Beamten-Zimmer – von der beigen Wandfarbe bis hin zur Kaffeemaschine stimmen die Details. Zumindest könnten sie stimmen.

Am Hauptcampus im Isenburger Schloss in Offenbach gibt es einen Raum nur für Frauen

Der Bereich Bühnenbild ist auch am Hauptcampus im Isenburger Schloss mit einer aufsehenerregenden Arbeit präsent. Dort haben Josefine Köhler, Ina Trenk, Sophie Schattner und Lina Parisius die Installation „what we observe“ aufgebaut; ein deckenloser Raum bestehend aus Holzlatten, den nur Frauen betreten dürfen – Männer müssen draußen bleiben. Die provokative Arbeit sei vom Buch „Feminist City“ der Autorin Leslie Kern inspiriert und wolle dem Wunsch von Frauen nach einem Ort Rechnung tragen, an dem sie, anstatt beobachtet zu werden, selbst beobachten können. Der Raum stand gut zwei Wochen auf dem Frankfurter Römerberg, was kontroverse Reaktionen ausgelöst habe, sagt Josefine Köhler. Der Wunsch sei, die Installation in mehren Städten auszustellen.

Dass die Einschränkungen durch Corona auch eine Chance sein konnten, Dinge anders anzugehen, demonstriert der Kurs des Fotografen Clemens Mitscher. Eigentlich sei er mit seinen Studierenden im Sommer zum Fotografieren auf Rockfestivals unterwegs, in diesem Jahr sollten sie stattdessen ihr eigenes Befinden im Lockdown dokumentieren. Herausgekommen sind 30 Fotobücher, die mit dem Deutschen Fotobuchpreis in Bronze ausgezeichnet wurden und jetzt auf kleine Tournee nach Hongkong und Tokyo gehen.

Ungewöhnlicher Start ins Semester ist auch ein Neuanfang

Der außergewöhnliche Beginn des Semesters sei auch ein Neustart, wie HfG-Präsident Bernd Kracke sagt. In Zukunft werde die Hochschule verstärkt in die Forschung und in Zukunftsthemen wie etwa das Mobilitätsdesign investieren. In diesem Zuge wurde eine Professur im Bereich Urban Design mit dem bisherigen Stiftungsprofessor Kai Vöckler besetzt. Neben gestalterischen Aspekten spielten auch Informatik, Künstliche Intelligenz und Virtualität eine Rolle, weshalb es neue wissenschaftliche Kooperationen gebe, so Vöckler.

Im Bereich Integrierendes Design sind beim Rundgang drei nun in Produktion gehende Fahrräder zu sehen – ein zusammenklappbares Lastenrad, ein Rad, das durch 3D-gedruckte Verbindungsteile an individuelle Körpermaße angepasst werden kann, und ein Laufrad. Auch an der Idee einer Seilbahn zwischen Offenbach und Frankfurt wird gearbeitet. Das zeigt: Die Visionen sind noch da. Das Virus aber leider auch. Zutritt zum Rundgang nur für Geimpfte, Genesene und negativ Getestete.

Josefine Köhler thematisiert Ungleichheiten im Stadtraum.
Zwischen Kunst und Aktivismus: Die Arbeit von Felizitas Fleischer Torrez dreht sich um den Versuch ihrer Familie, in Paraguay ein Naturschutzgebiet zu gründen. Zu sehen in der dritten Etage am HfG-Campus.
Ausnüchterungszelle: Jetzt ein Ort für Kunst.

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