Kunst mit Politik am Tisch

Offenbach - Beim dritten Mal ist es schon eine Art Modell geworden, das „Werkstattgespräch“ in José Da Noivas Hinterhofatelier im Isenburgring 36. Die Künstlerin Nicole Werth hatte wieder an den langen Tisch eingeladen, der aus Noivas selbst gebautem Inventar bestand. Von Reinhold Gries

 Dann ging es in Anwesenheit von Bürgermeisterin Birgit Simon richtig zur Sache. Wer von den 40 Anwesenden verschieden Alters und diverser Couleurs zum Thema „Kunstraum Offenbach“ Wahlkampf befürchtet hatte, wurde angenehm überrascht.

Mato-Künstler Jos Diegel erklärte gezielte Kunstförderung am Mato-„Schrankstipendium“, um dann zur Lage in Offenbach zu kommen und den Begriff „Kreativstadt “ anzugehen: Selbst im Parteiprogramm der Grünen finde er den Begriff „Kunst“ nicht einmal. Von Kollegen unterstützt, meinte er, dass mit „Kreativstadt“ eine einengende Sichtweise einhergehe. Derartige Formeln, auch geeignet um Inhaltsleere zu überdecken, wurden kritisiert. Dazu Diegel: „Wir Künstler brauchen Freiräume und Zeit zur Entwicklung. Wenn ich mich heute hinsetze und eine gute Idee habe, kann ich die nicht bis morgen umsetzen. Kapitalistische Vermarktung ist wirklich freier Kunst oft hinderlich“.

Zum Thema Kunst und Gunst waren sich Diskutanten einig, bei hiesiger Kunst- und Künstlerförderung nicht recht durchzublicken. Am Beispiel von Projekten wie der temporären Kunsthalle in Offenbacher Industriehallen oder der wohl unumgänglichen Umlegung des Kunstraums „Hafen 2“ wurde die Finanzierung hinterfragt. Da war Ex-Kulturdezernent Ferdinand Walther (FDP) in seinem Element und stellte Kunstförderung in lokalhistorischen Kontext, unterstützt von Kunstpädagogin Angelika Amborn-Morgenstern: „Das Modell der Offenbacher Bachstraße war ein selbstbestimmtes, als die Stadt in den 20ern und 30ern Künstlern preisgünstige Wohnungen und Ateliers zur Verfügung stellte. So etwas fehlt heute. Auch fehlen vielen Kommunalpolitikern genauere Kenntnisse zu hiesigen Künstlern.“

So etwas rief Leute vom Fach auf den Plan, darunter Musiker und Komponist Axel Kemper-Moll und Designer Lutz Jahnke, deren Kritik an Konzeptionslosigkeit und Einseitigkeit der Kunstförderung in der Aussage gipfelte: „Hier steigen viele Eintagsfliegen auf, es fehlt ein vernünftiges System. Wir brauchen eine Kulturwende“. Oft fiel das Wort „fruchtbar“. Dazu wurde auch Josef Beuys‘ Begriff der „sozialen Plastik“ in die Runde geworfen, als Modell für die Entwicklung, Erhaltung und Pflege bestimmter Kunsträume wie Hafen 2, Mato-Fabrik und Atelierhaus b 71 durchaus anwendbar.

Mit viel Realismus reagierte Grünen-Stadtverordnete Sabine Grasmück-Werner: „Ihr Künstler solltet nicht nur fordern und fragen, was die Stadt für euch tun kann. Ihr solltet euch auch fragen, was ihr für die Stadt tun könnt. Im übrigen können wir vorhandenes Geld nur einmal ausgeben.“ Auch Simons Beiträge, Gesagtes zusammenfassend und moderierend, blieben eng an Notwendigkeiten. Vom lebhaften Kulturforum sehr angetan, versprach sie, den „Langen Tisch“ monatlich weiterzuführen, unabhängig von Wahlhintergründen.

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