Kunst sprengt Grenzen

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Jugendliche der Projektgruppe „ Walk of Fame“ präsentieren ihre Arbeiten in Offenbach

Offenbach - Auf einer dreckigen Hauswand im Hinterhof der Frankfurter Straße 63 flimmert ein wackeliges Bild. Gefördert wird sie von der Crespo Foundation. Von Katherina Skalli

Der grobe Putz, durchbrochen von hellen und dunklen Flecken, wird zur Leinwand. Der Film, den ein Beamer in die schwarze Nacht wirft, ist Teil der Ausstellung des Projekts „Walk of Fame“ - eine Aktion des Starthauses in Zusammenarbeit mit dem Städel Museum, der GBO, der Schirn Kunsthalle, dem Liebighaus, der Mainarbeit und der Proarbeit.

Die Bilder, die durch die bitterkalte Innenstadtluft flackern, dokumentieren Kunstprojekte, mit denen sich 50 Jugendliche in zwei Gruppen an zehn Terminen beschäftigt haben. Die Ergebnisse fügen sich zusammen zu einem großen Freilichtmuseum zwischen Offenbach und Frankfurt. Kreative Stationen, Installationen und Skulpturen führen durch Wohnviertel und in die beteiligten Museen. Ein Parcours der Kunst. Das Projekt wendet sich bewusst an die Jugendlichen, die sonst kaum mit Kunst in Berührung kommen. Eines Besseren belehrt geben viele von ihnen zu, dass sie nicht erwartet haben, dass das Projekt spannend wird.

Die Aktion soll die Teilnehmer aus festgefahrenen Mustern befreien, ihnen Orientierung bieten und sie in ihrer Entwicklung unterstützen. Schwerpunkt war die Auseinandersetzung mit dem Lebensumfeld, das sie selbst gezielt mitgestalten sollten.

Der Film an der Hauswand vermittelt einen Einblick in die Wochen, in denen fotografiert, gezeichnet, gesprayt, gespielt und gestaltet wurde. Auch Ausflüge in die beteiligten Ausstellungshäuser waren Teil der Aktion. Die Ergebnisse flackern am Abend der Präsentation über das Nachbarhaus, stehen in einem Regal im Flur und hängen an den Wänden des Textiltheaters an der Frankfurter Straße. Über zwei Meter große Multiplex-Platten lehnen an den Wänden. Sie schmücken Graffiti, die die fünf Kontinente zeigen. Australien präsentiert eine Spinne, das Opernhaus von Sydney, ein Koala und einen Eukalyptus-Baum. Auf der Asien-Platte schwirrt ein roter Drache über die Umrisse des Kontinents. Wenn die Stadt zustimmt, sollen die Riesen-Gemälde schon bald kahle Hauswände an der Konrad-Adenauer-Straße zieren. „Wir wollten mit Kindern und Jugendlichen ihr Lebensumfeld verschönern“, sagt Hakan Erdogan. Der Sozialarbeiter vom Starthaus hat die Nachwuchs-Künstler an Thema und Technik herangeführt.

Nataly und Lili sind aus Bieber gekommen, um bei der Präsentation dabei zu sein. Sie haben eines der Graffiti mitgestaltet und sind nun mächtig stolz. „Man braucht etwas Übung“, sagt Lili. „Aber richtig schwierig ist das Sprühen eigentlich nicht.“

In 15 Stunden wurden die Sozialarbeiter von Künstlerinnen der Frankfurter Museen unterstützt. Während eine Gruppe zur Farbdose griff, setzte sich eine andere mit dem Thema „Bewegung und Figur“ auseinander. Entstanden sind große Banner: Ein Kletterer, der sich athletisch mit einer Hand an einem Felsvorsprung festhält und andere zurückhaltend gemalte Umrisse von Menschen voller Dynamik.

Auch Nicole Ulmer hat sich bewegt. Jedoch nicht, um von anderen gemalt zu werden, sondern auf der Bühne. Die 18-Jährige kommt seit März täglich ins „Textiltheater“ an der Frankfurter Straße, in dem die Ergebnisse des „Walk of Fame“ präsentiert werden. Das Textiltheater ist eine Einrichtung der Starthaus GmbH und simuliert einen Theaterbetrieb mit Schneiderei, Bühnenwerkstadt, Licht und Tonabteilung. Die Maßnahme richtet sich an junge ALG-2-Bezieher. Sie dient der beruflichen Weiterbildung und fördert die gesellschaftliche Integration.

Die Einrichtung des Starthauses ist für die junge Frau wie ein zweites Zuhause. Auf der Bühne zu stehen, macht ihr am meisten Spaß. Auch wenn sie sich erst einmal überwinden musste. „Eine andere Rolle einzunehmen, gefällt mir“, verrät sie. Auf einer Leinwand im Theaterraum zeigt die Gruppe Szenen aus ihrem aktuellen Stück. Nicole ist auch zu sehen. Man muss zweimal hinschauen, um sie zu erkennen, so sehr verändert sie ihre Rolle.

Projektleiter Kadim Tas vom Starthaus ist sichtlich stolz auf das, was seine Schützlinge präsentieren. „Ziel des Projekts ist es, Grenzen zu überschreiten“, sagt der Sozialarbeiter und meint damit Grenzen zwischen Berufen, zwischen Menschen und Organisationen, aber auch zwischen den Städten Offenbach und Frankfurt. Chantal Eschenfelder vom Städel sieht es ähnlich: „Die Idee ist in die Breite gewandert.“ Nicht nur die Ergebnisse des „Walk of Fame“ könne man präsentieren, sondern auch Projekte, die davon berührt worden seien.

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