Winnetou wohnt in Offenbach

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Bilder voller Dramatik: Eberhard Urban überlässt Klaus Dills künstlerischen Nachlass der Stadt.

Offenbach - So eine großzügige Schenkung gibt es nicht alle Tage: Der überzeugte Offenbacher Eberhard Urban übereignet dem Haus der Stadtgeschichte sein umfangreiches Erbe der Werke von Künstler Karl Dill im Wert von mehr als 88.000 Euro. Von Veronika Szeherova

Sie wurden dort bereits 2009 in einer Ausstellung gezeigt. Edle Indianer mit muskulösen Körpern, die auf sehnigen Pferden durch die Prärie galoppieren. Winnetou, wie er mit Old Shatterhand Blutsbrüderschaft schließt. Oder um seine sterbende Schwester Nscho-tschi trauert. Karl Dills Bilder ziehen den Betrachter mitten hinein in die abenteuerliche Welt von Karl Mays Romanen. Über Jahrzehnte prägten sie die Vorstellung der Deutschen vom Wilden Westen. Die Karriere des Illustrators begann als Student der Werkkunstschule (heute Hochschule für Gestaltung) in Offenbach – und nimmt in der Lederstadt auch ihr Ende: Ein großer Teil seines künstlerischen Nachlasses wurde gestern als Schenkung dem Haus der Stadtgeschichte übereignet.

Stifter ist der Verleger, Kunstkenner und überzeugte Offenbacher Eberhard Urban. Die 17 groß- und neun kleinformatigen Gemälde, sechs Aquarelle, zwei Zeichnungen sowie mehrere Kunstdrucke, Plakate, Bücher und Kalender haben einen Gesamtwert von 88 224,80 Euro. „Er schenkt sein gesamtes Klaus-Dill-Erbe der Stadt Offenbach, eine wirklich namhafte Summe“, zeigt sich Museumsleiter Jürgen Eichenauer beeindruckt. Urban lenkt lächelnd ein: „Ich habe vier große und vier kleine Bilder behalten. Die hängen an der Wand.“

Eine tiefe Freundschaft

Mit Klaus Dill verband ihn eine tiefe Freundschaft. Kennengelernt haben sie sich zunächst beruflich im Jahr 1990: „Er rief mich an und bot mir an, die Bilder für einen Karl-May-Kalender zu zeichnen. Sein Name sagte mir aber damals nichts.“ Skeptisch sei er zunächst gewesen, gibt der Offenbacher zu. Dann recherchierte er und fand erstaunt heraus: „Vieles von ihm kannte ich, ohne zu wissen, dass es Klaus Dill ist.“ Vor allem die Filmplakate seien unverwechselbar – darunter für berühmte Streifen wie „Zwölf Uhr mittags“, „Tanz der Vampire“ und „Busstop“ mit Marylin Monroe. „Den Kalender gaben wir zum Karl-May-Jubiläumsjahr 1992 heraus.“ Der Beginn einer Freundschaft, die Dill nach seinen Studienjahren 1949 bis 1952 erneut mit Offenbach verband.

Trotz seiner Karl-May--und Tierzeichnungen, den Titelbildern für die Hunde-Comicserie „Bessy“ und der vielen Filmplakate: Der Großteil der Einnahmen des Künstlers stammte aus Werbe-Illustrationen, etwa für Damenunterwäsche und Zigaretten. „Seit Anfang der 50er Jahre zeichnete er eine unschätzbare Zahl an Titelbildern für Leihbücher und Westernhefte“, so Urban, der aus eigener Erfahrung weiß: „Als Mensch war Klaus Dill nicht einfach. Er war mal kurz verheiratet, aber es hat nichts gebracht.“ Kinder hatte der im Jahr 2000 verstorbene Illustrator und Maler nicht. Seinen Nachlass, der 645 Filmplakate, 30 große Karl-May-Gemälde, 600 Cover der „Bessy“-Reihe sowie Hunderte vorbereitende Zeichnungen und Skizzen umfasst, verteilte er daher auf mehrere Erben – geordnet nach Sparten. „Ich bekam alles, was mit Karl May, Indianern und Tieren zu tun hat“, berichtet Urban. Doch das Erbe war mit Auflagen verbunden: „Mit einem Teilerlös vom Haus- und Grundstücksverkauf sollte ich zwei Bücher über ihn herausgeben.“ Mittlerweile hat er bereits den dritten Bildband „Ein Künstlerleben für Literatur und Film“ veröffentlicht, nachdem schon 2001 „Mit Tomahawk und Friedenspfeife“ und ein Jahr darauf „Kunst fürs Kino“ erschienen waren.

Western-Sparte geerbt

Dass Urban ausgerechnet die Western-Sparte geerbt hat, freut ihn. „Als Kind war mein erstes Buch ,Halbblut‘ von Karl May. Ich habe es achteinhalb mal gelesen.“ Dills Nachlass verwaltet er auch im Namen von dessen Schwester Johanna. Sein großes Ziel ist es, Zugang zum Filmplakat-Archiv zu bekommen. Doch darauf muss er noch warten: „Die Witwe des Filmplakat-Erben möchte an nichts erinnert werden, was mit ihrem Mann zu tun hat.“ Ein weiterer Wermutstropfen: „Der Erbe der Bessy-Cover hat sie alle übers Internet versteigert. Sie sind bei privaten Sammlern sehr begehrt.“ Urban möchte, dass mit der Schenkung wenigstens sein Teil des Nachlasses für die Öffentlichkeit erhalten bleibt.

Im Haus der Stadtgeschichte hat er diesen bereits im Jahr 2009 bei der Ausstellung „Mit Tomahawk und Friedenspfeife – Bilder aus Winnetous Welt“ präsentiert. Mit der Schenkung findet die Zusammenarbeit ihren vorläufigen Höhepunkt. Wann die Werke erneut öffentlich gezeigt werden, vermag Museumsleiter Eichenauer noch nicht zu sagen. „Wir haben über 9000 Werke, die meisten schlummern aus Platzgründen im Depot. Auf Wunsch sind alle einsehbar.“

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