Kunstwerke in Transiträumen

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Wie bei Rubbellosen muss sich der Betrachter im Sheraton Hotel die Selbstporträts von Emilia Neumann erst einmal frei kratzen. Mit der Künstlerin gehen HfG-Präsident Bernd Kracke und Sheraton-Geschäftsführer Dirk Wilhelm Schmidt (hinten) ans Werk.

Offenbach ‐ Hotels sind Transiträume. Orte des Kommens und Gehens, keine Plätze des Verweilens. Mit diesem besonderen Charakter von Hotels, die Reisenden für kurze Zeit Obdach bieten, haben sich 13 Studenten der Hochschule für Gestaltung künstlerisch auseinandergesetzt. Von Denis Düttmann

Ihre Werke sind in der Ausstellung „Gout 2009: Hotel Transient Rooms“ nun ein Jahr lang im Sheraton Hotel zu sehen. Zur Anfertigung ihrer Arbeiten und zur Inspiration durften die Studenten eine Nacht in das Hotel am Büsingpalais ziehen. Patrick Raddatz hat die Suite – das teuerste Zimmer des Hauses – gründlich eingenebelt und mit extrem langen Belichtungszeiten entrückte Fotos gemacht. Der Boden ist in dem diffusen Licht des Schminkspiegels kaum noch zu sehen, die rote Ledercouch scheint schwerelos im Raum zu hängen.

Die Fotoarbeiten von Nicolas Kremershof zeigen die Rückseiten der Hotels in der spanischen Tourismus-Hochburg Benidorm. Ein steiniger Abhang, durchzogen von verzausten Sträuchern, führt vom Hotel zur Straße hinunter. Hier hängt ein loses Stromkabel aus der Wand, dort ragt das Rohr einer Klimaanlage aus der Fassade. Vom glitzernden Antlitz des Urlaubstraums ist hier nichts mehr zu sehen, stattdessen rückt die profane Realität des Alltags ins Auge des Betrachters.

Hotelzimmer sind Räume, die benutzt werden

Das Hotel hat in der Kunst schon häufig als Metapher fungiert“, sagte der Präsident der Hochschule für Gestaltung, Bernd Kracke, bei der Vernissage am Mittwoch. „Für Einsamkeit und Fremdheit, als Plattform und Bühne für Schicksale und sonderbare Existenzen.“ Hotelzimmer seien Räume, die benutzt werden, allein um sie wieder zu verlassen. Als neutrale Orte böten sie sich jedem an, seien der kleinste gemeinsame Nenner. „In der eigenen Stadt Gast im Hotel zu sein, verändert den Blick auf Heimat und die Blindheit gegenüber dem Alltäglichen“, sagte Kracke. „Die Künstler haben in Offenbach eine Transiterfahrung gemacht – die Seiten gewechselt.

Der Hochschulpräsident dankte dem Geschäftsführer des Sheraton, Dirk Wilhelm Schmidt, für die nun bereits fünfjährige fruchtbare Kooperation. „Kunst braucht auch ein gewisses Maß an Kontinuität“, so Kracke. Erstmals werden im hoteleigenen Fernsehsender nun auch acht Kurzfilme zu sehen sein, die Studenten gedreht haben – zwei von ihnen im Sheraton. Sie erzählen von Begegnungen der besonderen Art im Mikrokosmos Hotel.

Betrachter muss sich zu Fotos Zugang verschaffen

Die Selbstporträts von Emilia Neumann sind mit einer silbrigen Aluschicht überzogen. Zu den Fotos muss sich der Betrachter also zunächst einmal Zugang verschaffen, indem er die Folie wie bei einem Rubbellos herunter kratzt. Das an sich schon voyeuristische Verfahren der Fotografie setzt sich hier im Beobachtungsprozess fort.

In der Bilderserie „Pool“ von Ornella Fieres wird die Geschichte des Sheraton Hotels lebendig. Die Künstlerin hat Fotos aus dem ehemaligen Parkbad in aktuelle Bilder von den Hotelzimmern projiziert. Eine Frau im geblümten Badeanzug steht neben dem Bett, plantschende Kinder spiegeln sich in einem Couchtisch. Die Ebenen gleiten ineinander bis sich kaum mehr klare Konturen erkennen lassen – Vergangenheit und Gegenwart werden eins.

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