Zum Kunstzentrum gemacht

afip: Lebendiges Offenbach

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Vier Jahre Akademie für interdisziplinäre Prozesse: Das feierten Künstler und Gäste am Goetheplatz.

Offenbach - Vier Jahre oder 1461 Tage existiert die „Akademie für interdisziplinäre Prozesse“, furz afip, an der Ludwigstraße. Grund für Betreiber Lutz Jahnke und sein Team um Ekatharina Zakharova und Sara Mosco, ein Fest zu organisieren. Dazu gehören Ausstellungen, Performances, Stände und musikalisches Programm. Von Claus Wolfschlag 

Engagiert raste Jahnke von einem Gast zum anderen. Dabei verriet er, dass er und Olga Petrova bald in die Ukraine reisen, um in sieben Städten ihren Film „Road Movie Ukraine“ zu zeigen. „Dass das Fest drei Tage läuft, ist Tradition“, meinte Jos Diegel. Im Barraum der afip zeigte er sein Musikvideo „My Gentrification“. Darin tritt er mit Band als moderne Persiflage von The Who („Tommy“) auf. Ein weiterer Film brachte Zitate von Politikern und Philosophen zur wirtschaftlichen Lage, darunter Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk.

Dem stand eine klassische Diaschau entgegen. Benian Inal zeigte Aufnahmen aus Nepal, Leslie Keller Fotografien von den indonesischen Inseln Bali und Lombok. „Ich hatte immer schon den Wunsch, nach Bali zu reisen. Vergangenes Jahr konnte ich mir das für einen Monat erfüllen.“ Die Aufnahmen seien eher zufällig entstanden. „Ob ich Fotografie studieren will, weiß ich noch nicht“, erzählte Keller, die momentan ihr Fachabitur in Mediengestaltung ablegt.

Als Fotografin arbeitet Natalie Färber, die Musikerporträts vorstellte. Acht Vertreter der Frankfurter Jazzszene hat sie 24 Stunden begleitet. „Einen hatte ich bei einem Besuch im Jazzkeller kennen gelernt. So bin ich Jazzfan geworden. Mich interessieren Porträts aber auch abseits der Musik. Es ist interessant, dass manche Menschen privat anders sind, als sie im öffentlichen Leben scheinen.“

Zwischen Pop Art und Joan Miró

Sara Mosco präsentierte Acrylporträts zwischen Pop Art und Joan Miró. Die Frankfurter Gutenbergschülerin will Malerei studieren. Abstrakte Strukturen und Aktzeichnungen steuerte der in Offenbach lebende Universitäts-Bibliothekar Wolfgang Voss bei. „Seit ich einen Stift halten kann, male ich. Erst abstrakt, dann kam gegenständliches Aktzeichnen hinzu“, erzählte der Autodidakt. Kontakt zu Jahnke nahm er auf, nachdem er im Schaufenster grellbunt dekorierte Fahrräder entdeckt hatte.

Ganz anders die Arbeiten von Balázs Vesszösi. Der im ungarischen Györ geborene Kunstpädagoge kombiniert Pinsel und Sprühdose. Acrylgemälde seiner „Mutanten“-Reihe zeigen vor verlaufenen Farbstrukturen seltsame Wesen – ein Reh mit Turnschuh und einem Auge auf der Schädeldecke, ein Hahnenkopf zwischen Metallgliedern und Kabeln. „Ich habe oft nur eine grobe Vorstellung des Motivs, wenn ich beginne“, erläuterte Vesszösi. „Der Betrachter wird aufgerüttelt, sein Blick läuft ins Leere.“

Christian Schildger führt den Plattenladen Mainrecords, spezialisiert auf elektronische Musik. Bei der afip zeigte er Collagen. „Entweder gestalte ich fremdartige Köpfe oder Fantasiewelten. Dazu nehme ich Bilder von Plattencovern oder Zeitschriften, zerschneide sie und setze sie intuitiv neu zusammen.“ Oft arbeitet er acht Stunden lang an einem Bild. „Währenddessen versinke ich völlig in der Arbeit.“

Kleidung war von der aus Offenbach stammenden Rica Mosco zu erwerben. Die Textildesignerin betreibt in Berlin den Shop „Favorit Fashion & Art“ und zeigte Upcycling-Oberteile. Mosco nutzt getragene, hochwertige Textilien aus Second-Hand-Läden oder Altkleiderboxen und arbeitet sie künstlerisch auf. „Die letzten Tage war ich nur mit Chlorung und Färben beschäftigt“, gestand sie.

Für kulinarische Genüsse sorgte Michael Perrot. Der Autodidakt aus Dreieich arbeitet als Zusatzkoch im Frankfurter Restaurant „Chimichurri“ und bietet seine Dienste als Mietkoch an. Dabei hat er sich auf vegane Gerichte spezialisiert: Zucchini-Spaghetti, Kartoffelsalat am Spieß, mit Walnüssen gefüllte Datteln.

„Erstaunlich, wie lebendig sich Offenbach zeigt“, äußerte Sigrid Carl, Oberstudienrätin an der Gutenbergschule. Sie war mit einer kleinen Skulptur beteiligt, nutzte ihren Besuch aber vor allem zur Analyse. „In Frankfurt sind die Strukturen festgefahren. In Offenbach scheint mir das kulturelle Leben leichter. Viele junge Leute stellen etwas auf die Beine. Da ist eine klare Entwicklung zu sehen.“

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